16. Januar 2015

Nach Sonnenabgang

Nach Sonnenabgang seh ich mich im Fenster
Ein gräulicher Zausel
        Wer hätte das gedacht
Drinnen Schreiblicht
        Draußen Nacht
Nach Mondaufgang seh ich Gespenster

Irgendwann hängt Herbst in den Bäumen
Irgendjemand stößt der Nachtigall Bescheid
Irgendwo hält sich ein Marschall bereit
Ob wir wachen oder träumen

Nach Sonnenaufgang wird Wissen ungenau
Dort rasseln Eichen mit Laub
Hier klirren Fahnen aus Staub
Nach Mondabgang wird alles preußisch Blau

Okt. 2014

Fallsucht

Wir fallen tief
dorthin
wo im Sand unser Schatten schlief

und tiefer noch
ins Wasser
wo am Grund unser Spiegelbild liegt

und noch tiefer
unter Sterne
wo im Nebel der Erdenstaub fliegt

wir fallen tief
dorthin
wo es zum Kreuz den Süden rief

Okt. 2014

23. Mai 2013

Sarah Kirsch 1935 - 2013

Nach dem November 1976 zählten wir Leser die Autorenabgänge aus dem "Leseland". Einer nach dem anderen verschwand auf Nimmerwiedersehen. Von Sarah Kirsch war gerade noch der Gedichtband "Rückenwind" erschienen. Gerüchte besagten, sie sitze schon auf den Umzugskisten. Aus einer Laune heraus rief ich sie an. Sie meldete sich, also war sie noch da. Im Mai 1977 besuchte ich sie auf der Berliner Fischerinsel 9, 17. Etage. Wir sprachen zwei Stunden, das war Rückenwind für meine Gedichte. Wenige Wochen später zog sie von Ost nach West. Ich dachte an ihren allerletzten "Rückenwind" - Vers mit dem unmißverständlich programmatischen Ausrufungszeichen: "Und flieg davon durch den Sommer!" Das plagiierte ich. Aber nur auf dem Papier. Erst kurz bevor es mit dem "Leseland" aus und vorbei war, konnte 1989 wieder ein Buch von ihr "Printed in the German Democratic Republic" erscheinen, eine überraschende Wiederbegegnung in Leinen gebunden.

Plagiat für S.K.

Raubvogel bitter die Luft
So kreiste er nie in
Köpfen und Händen
So stürzt er nur einmal
In die Sonne

Im Sommer flog er über
Stilles Land davon
Der Falke ist
Mein Herz klopft
Hinüber hinüber

1977

15. November 2012

Zum Tag des verfolgten Schriftstellers

Für die Macht ist das „freie Wort“ keine Verhandlungssache

Das Wort ist niemals frei. Es wird von vielerlei Abhängigkeiten umstellt, es wird mißbraucht, verfolgt, unterdrückt, verboten, abgetötet. Hierzulande genießt es allenfalls Narrenfreiheit. Scheinbar kann alles gesagt und geschrieben werden. Und die Narren sind so frei, das Wort zu annektieren, es auszuhöhlen, bis nurmehr Hülsen übrig sind. Wer aber hört die Hülsen klappern, wer liest aus Wortweizen die Spreu? Eine Minderheit. Das mag so oder so bedauerlich sein, ist jedoch das kleinere Übel. Andernorts ist es um das Wort weitaus schlimmer gestellt. Dort geraten Schriftsteller, Journalisten und Verleger in Situationen, bei denen Worthülsen zu Patronenhülsen mutieren und es um Leben und Tod geht. Wo sich knallhart Macht behaupten will, ist das „freie Wort“ keine Verhandlungssache. Wer das Sagen hat, will es keinem Anderen überlassen. Und dafür sind alle Mittel recht. Fast schon zum Alltag gehören Zensur, Geldstrafe, Berufsverbot, Verbannung, Hausarrest. Drastischer jedoch nicht unbedingt seltener sind Haftstrafe, Todesdrohung, Mord. Das freie Wort zu schützen und die freie Meinungsäußerung zu verteidigen, dazu verpflichten sich Schriftsteller, wenn sie der internationalen Autoren-Vereinigung P.E.N., Abkürzung für poets, essayists, novelists, zugewählt werden. 1921 nach schönster englischer Club-Tradition in London gegründet, geprägt von einer nach dem Ersten Weltkrieg erstarkenden Friedensbewegung, gab es bereits 1924 in Europa und den USA 18 nationale P.E.N.-Zentren, heute sind es weltweit 145. Anfangs hielt sich der Club politisch vornehm zurück. Nach den schmerzlichen Erfahrungen mit Faschismus und Zweitem Weltkrieg, nach Stalinismus und Hexenjagd unter McCarthy sollte es bis April 1960 dauern, daß sich innerhalb nationaler P.E.N.-Zentren so genannte „Writers in Prison Committees“ (WiPC) bildeten, übrigens ein Jahr bevor sich „amnesty international“ gründete. Seither wird auf die Verfolgung von Schriftstellern namentlich hingewiesen. Mitunter kann über diplomatische Kanäle oder durch publizistisch öffentlichen Protest das Schlimmste verhindert werden. Trotzdem registrierte das in London ansässige WiPC-Büro seit seiner Gründung 650 Todesopfer. Die Hoffnung, mit dem Ende des Kalten Krieges würden sich „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auch im Umgang mit dem Wort durchsetzen, hat furchtbar bankrott gemacht. Allein in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wurden seit den frühen 1990er Jahren 64 Publizisten und Redakteure ermordet, davon 30 unter Wladimir Putin, seines Zeichens Präsident Rußlands und Träger des Sächsischen Dankesordens. Alle sechs Monate aktualisiert und veröffentlicht das WiPC einen an die 100 Seiten umfassenden Bericht über die von ihm erfaßten 800 bis 1.000 Fälle verfolgter Schriftsteller. Unermüdlich wird mit gezielten Aktionen auf einzelne Schicksale hingewiesen. 1980 wurde der 15. November offziell zum „Writers in Prison Day“, zum „Tag des verfolgten Schriftstellers“ erklärt.

Am 15. November 2012, 19 Uhr lesen im Literaturhaus Villa Augustin die P.E.N.-Mitglieder Michael G. Fritz, Wolfgang Hädecke, Norbert Weiß, Jens Wonneberger und Michael Wüstefeld Texte von Joseph Roth und Klaus Mann sowie von Stipendiaten des P.E.N.-Exilprogramms. Der Eintritt ist frei.

11. November 2012

Was es soll


Pécser Impression 10
Was es soll

Was will ich denn noch hier
Was soll der freundliche Ton
Nach mir kräht kein Federtier
Nur der Fährmann wartet schon

Worauf noch hoffen
Was soll die tägliche Fron
Ach lassen wir es offen
Der Fährmann wartet schon

Wozu im Laufrad rennen
Was für ein Hohn
sich Dichter zu nennen
Der Fährmann wartet doch schon

Wozu noch dichten
Was soll denn das mein Sohn
Keiner wird das sichten
Der Fährmann wartet schon

M. W. 14.10.2012

2. Dezember 2011

Während sich feuilletonistische Nachrufroutiniers spreizen, bekenne ich mich zu unverblümter Trauer. Ein Gedicht, das anläßlich ihres 80. Geburtstages entstanden ist.

Was nicht bleibt
Doppelte Verneinung für Christa Wolf


Das NichtGelebte bleibt nicht
Auch nichtsnutziges NichtLeben nicht
Wie der Dinosaurier nicht bleibt
Das Strahlentierchen

Nicht nichtet das Nichts unausgesetzt

Das NichtGesprochene bleibt nicht
Auch NieAusgesprochenes nicht
Wie das Löweneckerchen nicht bleibt
Das Bucheckerchen

Nicht stiftet jene andere Sprache kein Ohr

Das Blei bleibt nicht
Auch der Bleisatz nicht
Wie also das Bleierne nicht bleibt
Ente noch Zeit

Nicht gesund bleibt nivellierender Haß

Das NichtGeträumte bleibt nicht
Auch NieGedachtes nicht
Wie der Waffelbruch nicht bleibt
Der Wörterbruch

Nicht bleibt des Doppelnichts bejahendes Nein

25. November 2011

... sie waren doch blind auf dem rechten Auge/Aus aktuellem Anlaß ein Gedicht aus dem Jahr 1992

        Wie ich aus Amsterdam nach Dresden
      zurückgeholt wurde



        Es war ein verräterisch leichtes Gefühl
        tagelang ohne Zeitung zu sein
        Es war der Augenblick zwischen zwei Atemzügen
        Es war das Atmen zwischen den Blicken
        wenn die Bäume mit einem Mal grün werden
        und das Paar im Haus gegenüber sich küßt
        als ich die Nachricht las
        Eintausend NeoNazis durch Dresden marschiert
        und die NeoDemokratie hat es erlaubt
        und der Rechtsstaat weiß schon warum
        es nicht Linksstaat heißt

        Im nächsten Traum sehe ich am Dresdner Rathaus wieder
        die roten Fahnen wehn
        mit dem verkrümmten Zeichen im Kreis
        auch die Andreaskreuze im Wappen von Amsterdam
        krümmen sich im Traum auf die bekannte Weise
        und ich bin eingekreist
        und aus den Urnen fährt der Väter Geist
        Hamlet ruft es wir sind verraten

        Die Feuer meiner untergegangenen Stadt
        liegen wie Schatten auf der Haut
        und Schreie kommen aus den Sirenen
        durch die ein Lichtstrahl wie ein Christbaum wächst
        und es ist furchtbar kalt

        Ich verbiete mir zu schlafen
        weil schlafen träumen heißt
        Ich verbiete mir zu träumen
        weil träumen sehen heißt

        Ich treffe Touristen auf der Kalverstraat
        höre sie mit sächsischen Zungen Preise vergleichen
        und frage habt ihr am Dresdner Rathaus auch
        die roten Fahnen gesehn
        mit dem verkrüppelten Zeichen
        Sie verstehen die Sprache meiner Frage nicht
        und legen mir einen Gulden in die sprachlos offene Hand

        Das braune Bier das ich am liebsten trank
        schmeckt jetzt nach Galle
        Ich kann die Hunde nicht mehr sehn
        die braune Haufen auf die Steine setzen
        Ich stehe vorm Haus der Anne Frank und denke
        Dieses Mal wird auch ihr Buch verbrannt

        Wo ist die Geschichte die sich nicht wiederholt
        Wo ist das Volk das sich selber richtet

        Die Wolken ziehen sich zusammen
        Es regnet in Amsterdam
        Die Passanten rennen in die Untergänge
        Ich stehe am Rand