Von der Adler zur Alster
Uwe Kolbes Meisterstück
Die Dresdner Mickel, Braun und Czechowski haben es sich nicht verkneifen können, auch Rosenlöcher und Grünbein sind dem Sog unterlegen gewesen, nämlich die Elbe zu besingen. Aber keiner hat dem angestammten Fluß jemals einen ganzen Gedichtband gewidmet wie jüngst der 1957 in Berlin hineingeborene und nach seiner 2017er Stadtschreiberzeit in Dresden wohnen gebliebene Uwe Kolbe, der seither, neben kleineren Publikationen über Gerhard Altenbourg und Wolfgang Hilbig, die Gedichtbände „Psalmen“ (2017), „Die sichtbaren Dinge“ (2019) und „Imago“ (2020) erscheinen ließ. Ohne „nah am Wasser gebaut“ oder „mit allen gewaschen“ zu sein, durchziehen verschiedene Gewässer und mit ihnen verbundene Metaphern sein Œuvre. Waren es jüngst noch „Pappeln am Fluss“, „Esche am Bach“, „Das Blaue im Thal“, der dem Flusslauf folgende „Treidelpfad“ oder „Der Rhein“, will der Dichter jetzt Alles. Seinem neuen Opus, kunstvoll komponiert aus sieben Kapiteln, stellt Kolbe nach einem Celan-Motto, noch vor den Beginn des ersten Kapitels ein „Beipackzettel“ genanntes Gedicht, was nicht Risiken und Nebenwirkungen meint vielmehr „Die Landkarte“, um uns „zu zeigen,/wie weit das Einzugsgebiet reicht“ und zu behaupten „Legende folgt“, was wiederum auf alle nachfolgenden Gedichte verweist. Sie sind es, die fortan den Mythen des Flusses, seinen Wegzeichen, Farben, Verwerfungen, Auen und Anwohnern nachgehen, ohne sich Maßstäben, Breiten- oder Längengraden zu ergeben, was ihn nahezu schwerelos bis New Jersey weht. Programmatisch heißt es im ersten Gedicht: „Den Fluß von der Quelle her zu erzählen,/wird hier nicht noch einmal versucht … Gescheut wird die alte getreue,/die Wiederholung natürlichen Laufs“. Zugleich aber folgt teilweise Rücknahme: „Und doch wollen die Worte zum Anfang,/verbunden einander/wie Kiesel und Sand.“ Also werden Riesengebirge, Pardubice, Benàtky mit Tycho Brahe gestreift, den Nebenflüssen von Adler bis Alster wie auch Abstammung und Geburt gehuldigt, der alten Slawen und ihres großen Aufstands im Jahr 983, „der Toten von Pirna-Sonnenstein“, dem „brennenden Phosphor,/Brandlichtern von Hamburg und Dresden“ oder der Vor-Torgau-Begegnung zwischen Soldaten der US- und Sowjetarmee in Strehla gedacht. In nur vierzehn Versen wird nach einem Besuch Theresienstadts die Überlieferung von Rabbiner Benjamin Murmelstein erinnert. „Asche aus zwanzigtausend Urnen war in die Eger geschüttet worden“, die seither zur nahen Elbe strömt und deshalb „Aschefluss“ genannt sei, heißt es bei Kolbe und veranlaßt ihn im Resümee-Gedicht des Bandes „Das Elbe-Lineament“ zu der ebenso erschreckender wie zwingender Beschreibung, „die Elbe/verläuft/von Theresienstadt nach Neuengamme“.
Kolbe wäre nicht der, der er ist, wenn es nicht auch Verse der Liebe gebe und ernstzunehmende Hoffnung neuerlicher Verwurzelung „über dem weit offenen Tal,/wo ich zu Hause bin.“ Dann holt er das „lichtgraue Band des Flusses“ und die „Kormoran-Freunde“, die „Brücke im Nebel“, den „Markttag“ und den „Loschwitzer Sommer“ in die Verse. Aus der ihn umgebenden Atemluft, gesättigt mit der Poesie seiner Vorgänger, läßt er vielerlei Anspielungen aufklingen. Aber wie immer bei Uwe Kolbe wird auf Anmerkungen verzichtet. Sparsam gesetzte Widmungen und Mottos lassen ahnen, worum es geht, woher es kommt, bis zu den fulminanten Bekenntnis-Gedichten „Woher ich alles habe“, die langzeilig alle Kapitel abrunden. Ein Jahr vor seinem 70. Geburtstag darf durchaus von einem meisterhaften Alterswerk gesprochen werden. Zukünftige Elbe-Dichter werden sich an Kolbes Elbe-Gedichten nicht vorbeidrücken können.
Und dann noch das Kolbe-Poesiealbum Numero 394! Die Auswahl traf Jürgen Theobaldy. Bilder und Porträt-Vignette fügte der in Dresden geborene Klaus Dennhardt bei. Beatles-Fans und Landmaschineningenieure wird es freuen, daß „Lanz Bulldog“ bedichtet und „Hey Jude“ in „Der Transistor“ genannt werden. Daneben finden sich solche „Klassiker“ wie „Hineingeboren“, „Tübinger Spaziergang“, „Kein Glaube an das Gedicht“ und das herrliche Kito Lorenc gewidmete, wortspielerische Alphabet-Sonett mit dem unschlagbaren Schlußvers: „Zamzizi, Zirzipanen, Zurbici“.
(Zuerst erschienen: SAX 07/26)
Atempause zwischen zwei Romanen
Jens Wonneberger bilanziert die Geheimnisse der stummen Dinge
Weil Leser mitunter eine bildhafte Vorstellung von den Wohn- und Lebensumständen „ihrer“ Autoren haben wollen, gibt es zum Glück in beinahe jedem Winkel des Landes eine erstaunliche Vielfalt von Literaturmuseen und Dichterhäusern. Autoren aber, denen eine solche Ehre bislang nicht zuteil wurde, weil sie sich noch des Lebens freuen und nicht all ihre Leser persönlich begrüßen möchten, können wenigstens ein Buch über ihre vier Wohnwände schreiben. Vor 25 Jahren umkreiste Jens Wonneberger, zuletzt die Romane „Flug der Flamingos“ und „Pension Seeparadies“, sein „Karree“, jetzt streift er durch die Zimmer seiner Wohnung, umkreist Möbel und Gegenstände, um sich dabei an das zum Motto des Buches gewählte Wort von Heimito von Doderer zu halten, nämlich „der Vielwissenheit der stummen Dinge“ auf die Spur zu kommen. Wer aber glaubt, hier mit Utensilien konfrontiert zu werden, die letztendlich privatim sind, liegt falsch. Nach dem Eröffnungstext, einer Hommage auf seinen Schreibtisch mit einer „Schublade zum Träumen“, führt die Würdigung eines kolossalen Bücherschranks mitten hinein in deutsche Geschichte. Zwar besagt die Familienlegende, kurz vor der Bombardierung Dresdens, Februar 1945, hätten Geflüchtete aus der bedrohten Stadt den Schrank „im sicher geglaubten Dorf untergestellt“, aber der Autor hat seine Zweifel. Warum diesen „ungeheuer schweren Eichenschrank mit auf eine Flucht ins Ungewisse“ nehmen? Und wieso in das östlich gelegene Dorf fliehen, wenn die Flüchtlingstrecks gen Westen zogen? Und wie hätte „jemand im Voraus von einer geplanten Bombardierung wissen“ können? Und wo war der Inhalt des Schrankes abgeblieben? Schließlich muß Wonneberger eingestehen: „Ich weiß nicht mehr, wer diese Geschichte erzählt hatte, oder ob ich sie mir als Kind selbst ausgedacht und dann auch geglaubt hatte. So ist das manchmal mit den Erinnerungen“ und benennt damit das Prinzip dieser Texte, die einerseits im Kern wahr sein mögen, andererseits auch lustvoll ausgeschmückt sind. Bei den detailreichen Beschreibungen der Gegenstände verweisen vielerlei Begrifflichkeiten, einstmals im Alltag der Altvorderen ganz selbstverständlich anwesend, auf die längst vergangene Zeit; ein „Rockabrunder“ der schneidernden Urgroßmutter, der „Goebbelsschnauze“ genannte „Volksempfänger“, „Feldpostkarten“ und „Fahrtenmesser“, der „Rauchverzehrer“ in Gestalt einer Eule, die „Spieluhr“ mit den noppenbewehrten Blechplatten, die „Mangeltücher“, mit denen Mutter zur Rolle ging oder die geheimnisvolle „Löffelsprache“, „in die die Erwachsenen auf einen Blick hin wechselten und dann ungeniert alles beschwafelten, was nicht für Kinderohren bestimmt war“? So weit der Autor sich mitunter vom eigentlichen Gegenstand entfernt, nichts ist weitschweifig oder an den Haaren herbeigezogen und immer wieder gelingt die raffinierte Schließung des Erzählkreises. Wonneberger schöpft seine sprachlichen Möglichkeiten und stilistischen Mittel voll aus. Bravourös gelingt ihm die Balance zwischen respektvoller Distanz und humoriger Nähe, auch dann, wenn er das nicht immer einfache Verhältnis zum Vater benennt, der zu Jähzorn und unkontrollierten Wutausbrüchen neigte. „Himmelarschundzwirn! Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet!“ Auch Selbstporträts des Autors als junger Mann glücken. Er trägt „Großvaters schweren, viel zu weiten Mantel und die abgetragenen Sakkos auf“, Nachthemden werden ihm zu Oberhemden und er läuft „in sogenannten Jesuslatschen durch heruntergekommene Gassen“. Immer wieder werden en passant zufällige Verknüpfungen von Familiengeschichte mit dem Weltgeschehen aufgegriffen. Einmal wird von einem gestellten Jahrmarktsfoto erzählt, das seine Urgroßeltern in einem stilisierten Auto zeigt, „er trägt einen jener Kreissäge genannten Strohhüte“. Irgendwann entdeckt der Autor ein Foto, auf dem Franz Kafka im Wiener Prater in der Attrappe eines Aeroplans sitzt und den gleichen Hut wie Urgroßvater trägt. Vom Großvater väterlicherseits gibt es kaum etwas, nur eine Karte von Dezember 1945. Der Vater wendet sich an einen Suchdienst. Sieben Jahre nach dem Tod des Vaters erhält der Erzähler die Mitteilung, daß der Gesuchte im Februar 1946 „in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Urjupinsk (Gebiet Stalingrad) verstorben“ ist und findet heraus, daß eine berühmte Erzählung von Michail Scholochow in Urjupinsk spielt, „wo mein Großvater begraben liegt. Die Erzählung trägt den Titel Ein Menschenschicksal. In meiner Schulzeit gehörte sie zur Pflichtlektüre.“
Noch nie zuvor hat Jens Wonneberger so ungeschützt seine Erinnerungen an Familiengeschichte(n) preisgegeben. Es hat sich mehr als gelohnt. Ob Bilanz, im Sinne einer Inventur, oder Zwischenbilanz, im Sinne einer Atempause zwischen zwei Romanen, wird die Zukunft zeigen. Wie nennt man das Genre dieser sechsundzwanzig Texte? Novellistische Miniaturen? Assoziative Kurzprosa? Das ist Sache der Literaturwissenschaft. Wir bleiben lieber bei dem „Tintenfleck, der sich auf dem Boden einer Schublade ausbreitete, ein tiefblauer See, umrandet von Buchten und Landzungen“, die zum Träumen einladen.
(Zuerst erschienen: SAX 03/2026
Der Gegenklassiker
Kolossale Biographie über einen schweizer Klassiker
„Nein, ich habe Max Frisch (1911-1991) nicht mehr persönlich gekannt, und ich bin froh darüber. Ich fürchte, er hätte mir mein Vorhaben ausgeredet“, bekennt der 1964 in Zürich geborene Literaturwissenschaftler Julian Schütt im Prolog seines 2011 erschienenen, viel beachteten Buches „Max Frisch. Biographie eines Aufstiegs“. Auch das bekannt gewordene Frisch-Verdikt über Biographen von 1941, das „Übelriechendste, was es unter Menschen gibt“, sei jenes „köterhafte Geschnüffel nach der Privatesse ... diese ewige Rache der rettungslos Unbegabten“, hat Julian Schütt nicht davon abgehalten, dem ersten Teil seiner Frisch-Biographie einen zweiten folgen zu lassen. Zum Glück! Denn seit 2011, als all jene Schriften, für die Frisch eine zwanzigjährige Sperrfrist nach seinem Tod verfügt hatte, endlich zugänglich waren, ist die Quellenlage nahezu ideal, so daß einer Fortführung des Mammutprojektes nichts mehr im Wege stand. Nicht streng wissenschaftlich, aber unbeirrt schreibt sich Schütt hinein und voran in das Autorenleben, das als Journalist, Reporter, Feuilletonist und Architekt begonnen hatte, indem er das chronologische Erscheinen und die Rezeption seiner Werke als Ausgangspunkt für vielfältige Verzweigungen nimmt: Freund- und „Paarschaften“, ihre glückhaften Zeiten und ihr Auseinanderbrechen; oftmals schwierige Verhältnisse zu Kollegen; Streit um die „Heimat“ Schweiz; diverse politische Einlassungen; die markanten Wohn- und Eigentumsadressen in und um Zürich, Rom, Berzona, Berlin und New York; zahllose Reisen, um Vorträge, Lesungen und Reden (von großer Aktualität seine „Friedenspreisrede“) zu halten, an Kongressen und Schriftstellertreffen teilzunehmen oder schlichtweg zur Erholung von Problemen mit Alkohol und dem eigenen Ich. Julian Schütt beginnt die Fortsetzung seines biographischen Erzählens 1954, Stücke wie „Nun singen sie wieder“, „Die Chinesische Mauer“, „Graf Öderland“, das „Tagebuch 1946-1949“ und der Roman „Stiller“ hatten für ausreichend Berühmtheit gesorgt, da machte Max Frisch „reinen Tisch ... verließ gleichzeitig sein eigenes Architekturbüro, seine Frau und seine drei Kinder“, zog in ein Bauernhaus eine halbe Bahnstunde von Zürich entfernt. Aber zur Ruhe kommt er dort nicht. Um sich nicht wie ein „vergessener Toter“ zu fühlen, muß es turbulent bleiben. Neben dem, was Frisch-Leser über sein Leben und seine Bücher wissen, serviert der Biograph eine Vielzahl von bisher verborgen gebliebenen Details, ohne Peinlichkeiten unkritisch auszuweichen, jedoch auch ohne indiskret zu werden. Allen voran sind hier als Beispiel Frischs Jahre mit Ingeborg Bachmann und seine Ehe mit Marianne Oellers zu nennen; Liebestragödien beinahe wie im antiken Theater. Dabei räumt Julian Schütt ein, daß seine biografische Forschung jener Maxime folgt, die Max Frisch einst aus seiner Bekanntschaft und Beschäftigung mit Bertolt Brecht für sich reklamiert hat: „Die Ergebnisse kennen wir, wir suchen die Anfänge.“ Überwältigend ist die Zahl der Quellen, die Schütt herangezogenen hat. Selbstverständlich alles primär wie sekundär Veröffentlichte, auch die unveröffentlicht in diversen Archiven, vor allem im Max Frisch-Archiv der ETH Zürich gelagerten Schriften, wie Manuskriptvarianten, Entwürfe, Briefe, Notizhefte, davon allein 130 Stück für die Jahre 1943 bis 1952, und, was nicht zu unterschätzen ist, die vielen Gespräche, die Schütt mit denjenigen geführt hat, die Frisch nahestanden und ihn überlebt haben. Immer wieder überrascht der Verfasser mit einem persönlich gehaltene Ton, der die weit aufgefächerte Biographie zu einer angenehmen Lektüre werden läßt.
Im Prolog erwähnt Schütt, daß die Totenfeier für Max Frisch im April 1991 über Lautsprecher auf den Vorplatz der Kirche St. Peter in Zürich übertragen wurde, damit sie „die vielen ungeladenen Gäste verfolgen“ konnten. Unter ihnen ein Literaturstudent, in dem unzweifelhaft Julian Schütt zu erkennen ist, der Peter Bichsel sagen hörte, „man müsse es jetzt denen schwer machen, die Frisch als Klassiker ablagern möchten“, dabei hatte der Student „geglaubt, es sei der Traum jedes Autors, ein Klassiker zu werden. Er wollte es irgendwann genauer wissen, was das für einer ist, dieser Gegenklassiker Max Frisch.“ Das hat er auf meisterliche Weise wahr gemacht.
(Zuerst erschienen: SAX 10/2025)
Steinbruch vermasselter Liebe
Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch
Sie nennt ihn: „Mein armer Bär“ oder „Liebster Max“. Er nennt sie: „Meine Ingeborg“ oder „Ach Schnurrlimurrli“. Ist das Weltliteratur? Die Frage erübrigt sich, denn es handelt sich nicht um Fiktion, sondern um wahrhafte Briefe. Auf die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Max Frisch (1911-1991) hat die literarische Welt seit Jahrzehnten gewartet. Lange Zeit hatte es den Anschein, als würde sie ihn niemals zu Gesicht bekommen. Zwar war von Frisch verfügt worden, sein literarischer Nachlaß, also auch sämtliche Briefe, könne zwanzig Jahre nach seinem Ableben öffentlich zugänglich werden, aber die Erben der Bachmann sperrten Ingeborgs Briefe weiterhin, zumal die Dichterin all das verbrennen wollte, „damit niemand ein Schauspiel hat eines Tags … dass die Schamlosigkeit nicht den Sieg über soviel Schmerz davonträgt“. Erst mit der 2017 begonnenen, auf 30 Bände angelegten „Salzburger Bachmann Edition“ fallen alle Hemmungen und Schranken, natürlich unter dem Anspruch germanistischer Wissenschaftlichkeit. Diese Detailversessenheit, die man einerseits als übertrieben, andererseits als gründlich ansehen kann, begleitet auch die vorliegende Ausgabe. In dem mit 1040 Seiten stattlichen Buch werden für die Briefe 580 Seiten beansprucht. Den Rest teilen sich Stellenkommentare (ausführlicher als ein forensischer Untersuchungsbericht), Zeittafel, Werk- und Personenregister sowie ein Anhang mit Porträts und Faksimiles. Plus, und das ist ungewöhnlich, zwei Nachwörtern der Herausgeber Barbara Wiedemann, Thomas Strässle, Hans Höller und Renate Langer, die sich beinahe gegensätzlich lesen, heißt, die einen mehr für Frisch, die anderen für Bachmann. In der Mitte können es sich die Leser zur voyeuristischen Reise durch den Steinbruch einer vermasselten Liebe bequem machen.
Der erste Brief, Juni 1958, kommt von ihr, sie dankt für sein Lob ihres Hörspiels „Der gute Gott von Manhattan“ und schlägt vor, ihn in Zürich zu besuchen. Der letzte Brief, April 1973, kommt von ihm, er teilt ihr mit, daß der Druck einer Anthologie, in der auch Gedichte von ihr sein sollten, aus Geldgründen nicht zustande kommt. Aber da war die Beziehung zehn Jahre zuvor längst in die Brüche gegangen. Dazwischen eine Berg- und Talfahrt, eine zerstörerische Tortur oszillierend zwischen Anziehung und Rückweisung, gespickt mit Eifersucht und Unterstellungen. Nach haßerfülltem Streit trägt Frisch ihr die Ehe an: „Ich möchte Dein Mann sein ganz und für immer und auch vor der Welt.“ In einer „letztwillige Verfügung“ von 1960 begünstigt er „Fräulein Dr. phil. Ingeborg Bachmann“, ihr soll der verfügbare Teil meiner Hinterlassenschaft“ zufallen, was er nur allzu bald widerrufen wird. Beide beschließen in ihrem so genannten „Venedig-Vertrag“, sich sexuelle Freiheit zu gewähren, aber aus dieser Freizügigkeit erwächst nur weitere Qual. Sie hat Beziehungen zu Kollegen, er beginnt ein Verhältnis mit einer „Studentin, die meine Tochter sein könnte“. Was vielleicht am meisten irritiert, ist die Ruhelosigkeit dieser „Paarschaft“ (ein Frisch-Wort), wie beide ständig reisen, wie es kein Ort, keine Wohnung vermag, sie länger an sich zu binden, als wären sie ständig vor sich selbst und vor allem vor dem jeweils anderen auf der Flucht. Ganz nebenbei räumen die Briefe mit ein paar Legenden um den Frisch-Roman „Meine Name sei Gantenbein“ auf. Bestehen bleiben werden wohl die Spekulationen über ein angeblich von Ingeborg Bachmann vernichtetes Tagebuch von Max Frisch. Denn in einem Stellenkommentar auf Seite 896 heißt es, der Bachmann-Bruder erinnere sich, wie seine Schwester erzählte, „sie habe Frischs Aufzeichnungen ihrem Psychiater zum Lesen gegeben“, die dieser an sich genommen habe, während sie Frisch sagen sollte, „sie habe sie verbrannt, damit er nicht nachforsche“. Existiert das Tagebuch doch noch? Und schon hört man, Margarethe von Trotta habe „Bachmann & Frisch“ (Arbeitstitel) als Film realisiert. In einem Kommentar heißt es, 2029 sei der Briefwechsel mit Heinrich Böll zu erwarten. Na also, das letzte Wort in Sachen Bachmann ist längst noch nicht gesprochen, obgleich die Dichterin selbst ihr letztes Wort vor 50 Jahren geschrieben hat.
(Zuerst erschienen: SAX 03/2023)
„Brauchst Du Oblivon?“
Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll
Er schreibt: „Liebe Inge“, sie: „Lieber Heinrich“. Anfangs verabschiedet sie sich als „Ihre Ingeborg“, er mit „Ihr Heinrich Böll“, sie „herzlichst“, er auch mal „zärtlich und herzlich“, Mitte 1955 sind sie per Du. Als sie sich 1952 kennenlernen, ist Ingeborg Bachmann (1926-1973) sechsundzwanzig und Heinrich Böll (1917-1985) fünfunddreißig, sie eine weithin unbekannte Lyrikerin, er ein Erzähler, dessen bereits erschienenen Bücher „Der Zug war pünktlich“, „Wanderer, kommst du nach Spa ...“ und „Wo warst du, Adam?“ sich nur zögerlich verkaufen. Das sollte sich ändern. Seine folgenden Romane „ … und sagte kein einziges Wort“ (1953) sowie „Haus ohne Hüter“ (1954) treffen den Nerv der Leser, während ihr erster Gedichtband „Die gestundete Zeit“ (1953) sie zum Shootingstar der bundesdeutschen Literaturszene und ein Jahr darauf zum „Spiegel“- Covergirl werden läßt, derweil er es erst 1961 auf den „Spiegel“-Titel schafft. Das aber ist kaum Gegenstand des Briefwechsels, der 122 „Korrespondenzstücke“ umfaßt und Teil der vielbändigen „Salzburger Ingeborg Bachmann-Edition“ ist. Anfangs tauscht man sich über Verdienstmöglichkeiten aus, sie schreibt ihm, daß sie „literaturmüde“ sei, obwohl oder weil sie ihr Buchdebüt noch vor sich hatte, und rät ihm, er solle „es nicht zu schwer nehmen“, wenn er „für Geld schreiben“ müsse. Beide schreiben Rezensionen für diverse Zeitschriften, Hörspiele und Feature für den Rundfunk. Eigentlich möchte er einen neuen Roman schreiben, „... wenn ich bis dahin nicht vollständig verfeaturt bin“. Sie schreibt etliche Folgen für die „Radiofamilie“ des Österreichischen Rundfunks, arbeitet als Italienkorrespondentin und für ein Jahr als Fernsehdramaturgin beim Bayrischen Rundfunk. Sie deuten Befindlichkeiten an, nehmen Anteil an Sorgen und Krankheiten des jeweils Anderen. Weil er so viel unterwegs ist, gesteht er ihr: „Ich möchte am liebsten immer in meinem Schlafzimmer bleiben, die Kinder und meine Frau um mich“. Sie fragt: „Brauchst Du Oblivon?“, ein Beruhigungsmittels mit hohem Suchtpotential, das sie regelmäßig einnimmt. Einmal, 1956, teilt sie ihm mit, sie werde bald „nach West-Berlin“ fahren, möchte gern „einmal hinübergehen in die Ostzone“, und erkundigt sich bei ihm, was er „von einem Besuch … bei den Leuten drüben“ hält. Der Beantwortung von Bachmanns Frage „nach Begegnungen mit Leuten aus der DDR“ widmet Böll einen ganzen Brief und meint, das beste wird sein: „... du machst einen Besuch, siehst und hörst selbst, doch rate ich Dir zur Vorsicht, aus dem einfachen Grund, weil … Du (es muss gesagt werden) eben ein prominenter Gast sein wirst“. Ein höchstinteressanter Brief, zumal deutsch-deutsche Themen sonst eine untergeordnete Rolle spielen. In den 1960er Jahren dünnt die Korrespondenz merklich aus. Die immer wieder beteuerte Hoffnung auf ein Wiedersehen erfüllt sich äußerst selten, einige Begegnungen auf den Treffen der „Gruppe 47“, Besuche der Familie Böll bei Bachmann in Rom, auch einen Besuch der Bachmann bei Familie Böll in Köln, aber die Freundschaft zwischen Ingeborg und Heinrich wurde, wenn überhaupt, nur in ihren Briefen gelebt, nicht im Leben. Zu diametral waren Charaktere und Lebensumstände; er Ehemann und Familienvater mit drei Söhnen, sie immer auf dem Sprung in neue Partnerschaften, er hatte sein Refugium in Irland, sie in Rom. Als Ingeborg Bachmann 1973 nach einem Brandunfall stirbt, schreibt er ihr einen berührenden Nachruf, in dem es heißt, er „denke an die siebenundvierzigjährige Frau wie an ein Mädchen“.
193 Seiten Briefe stehen 170 Seiten Stellenkommentare gegenüber, hinzu kommen 39 Seiten Nachwort von Herausgeberin Renate Langer, Anmerkungen zur Edition, Verzeichnisse über Literatur von und über Bachmann/Böll, Personenregister sowie einige Seiten mit Fotografien und Faksimiles. Es sind vor allem die Stellenkommentare, die sich wie eine Literaturgeschichte der frühen Nachkriegs- bis hin zu den Anfängen der 1970er Jahre lesen, all das freilich unter weitgehendem Ausschluß der DDR. Das Personenregister verrät, im gesamten Briefwechsel werden nur fünf Schriftsteller aus der DDR genannt: Kurt Barthel (KuBa), Stephan Hermlin, Peter Huchel, Bernhard Seeger, Anna Seghers. Und daß von Böll, nachdem „er sich in den 1970er Jahren für sowj. Dissidenten einsetzte, … in der DDR kaum mehr Bücher von ihm erhältlich waren“, stimmt in dieser rigorosen Verallgemeinerung nicht.
Bei allem Für und Wider bleiben ein paar Sätze, die man sich hinter den Spiegel stecken kann. Von Heinrich Böll: „Wir sind nur eine kleine Weile hier, ich weiß, und was wir zurücklassen, werden nur ein paar Pfandscheine sein.“ Von Ingeborg Bachmann: „Ein Schriftsteller sein, das heisst also, sich zwischendurch eine Zeit stehlen müssen zum Schreiben und dafür um Entschuldigung bitten, dass man es tut“.
(Zuerst erschienen: SAX 11/2025)
Kapriolen deutscher Geschichte
Gewichtiger Roman von Christoph Hein
Die Umschlaggestaltung des jüngsten Romans von Christoph Hein ist eine Blickfangprovokation. Gezeigt wird ausschnittsweise der von Walter Womacka 1964 gestaltete Mosaikfries „Unser Leben“ am „Haus des Lehrers“ in Berlin. Was ein Beitrag zur Fortsetzung des „Bilderstreits“ um die in der DDR entstandene Kunst sein könnte, führt vielmehr unmittelbar hinein in den Roman und in „unser Leben“, zumindest in das der Hauptfiguren, von denen acht mit biografischen Eckdaten auf einem dem Buch beiliegenden Lesezeichen genannt werden. Während etliche Hein-Romane, zum Beispiel „Glückskind mit Vater“, „Landnahme“, „Trutz“ und „Verwirrnis“, von vergleichsweise einfachen Leuten mit besonderen Lebensläufen erzählen, liegt der Schwerpunkt dieses Mal auf Personen, die es in ihren Staats- und Parteikarrieren besonders weit nach oben geschafft haben. In deren Mittelpunkt steht fraglos die 1921 geborene Yvonne. In den letzten Kriegsjahren lebte sie mit Jonathan Schwarz zusammen, der, obwohl „keinen Nachweis einer arischen Abstammung“ besitzend, von Deportationen verschont bleibt, weil er in einem kriegswichtigen Ingenieurbüro arbeitet. Als 1944 ihre gemeinsame Tochter Kathinka geboren und die Lage immer bedrohlicher wird, entschließt sich Jonathan zur Flucht in die Schweiz. Fortan gilt er als vermißt und wird nach Kriegsende von seiner Mutter für tot erklärt. Inzwischen lernt Yvonne den aus der Gefangenschaft heimgekehrten, einbeinigen Johannes Goretzka kennen, der sich als Dr. Ing. und SED-Mitglied eine Stelle im Ministerium für Schwermaschinenbau erhofft. Yvonne geht mit dem achtzehn Jahre älteren Mann, von dem sie nichts über seine Herkunft und Vergangenheit weiß, eine „Versorgungsehe“ ein, 1949 wird ihr gemeinsamer Sohn Heinrich geboren. Auf Betreiben von Goretzka, indem er bei höheren Stellen behauptet, Yvonne sei Kandidatin der Partei, wird sie Kulturhausleiterin. Während Goretzka anstelle des Aufstiegs im Ministerium für ein Jahr zur Schulung nach Moskau delegiert wird, taucht plötzlich die in Bochum lebende Schwiegermutter auf, bittet darum, ihren Enkelsohn kennenlernen zu können. Nach und nach erfährt Yvonne, daß ihr Mann aus einer Pfarrersfamilie stammt, sich von den Eltern lossagte, dem Dortmunder „Stahlhelm“ angehörte, SA-Ausbilder und schließlich Fahnenjunker-Feldwebel der Wehrmacht war. Neben der Yvonne-Erzählung fokussiert sich die Handlung um den Freundeskreis von Karsten Emser, Professor der Ökonomie und Mitglied des Zentralkomitees, zu dem neben dessen Frau Rita, Stellvertreterin des Bürgermeisters, und den Goretzkas der vor dem Krieg hoch angesehene Anglist und Germanist Benaja Kuckuck gehört, der sich vergeblich um eine Professur bemüht und letztendlich auf den Posten des Referatsleiters Kinder- und Jugendfilm abgeschoben wird. Emser sagt einmal und liefert damit den Romantitel: „Eine richtige Seite, eine Seite, auf der man, ohne schamrot zu werden, stehen konnte, gab es in meiner Lebenszeit nicht … Und wo ich heute stehe … Weiß ich nicht mehr … Vielleicht auf dem Deck eines Narrenschiffs“. Sympathieträger sind die handelnde Personen nicht. Einzig deren Kindern in ihrer Auflehnung gegen die Bevormundung durch Eltern und Staat gelingt dies ansatzweise.
Längst hat Christoph Hein in seiner nicht jedem gefallenden Gattung des „Romanberichts“ oder „Geschichtsromans“ eine unüberlesbare Meisterschaft erlangt. Mühelos zieht er den Leser in die Handlung hinein, läßt ihn glauben, alles, was er berichtet, sei wahr, so weit er auch den Bogen von der Gründung der DDR über Chruschtschows Geheimrede, Mauerbau, Kahlschlag-Plenum, Verbot des „Prenzlberg“-Theaters, Abschaffung des so genannten „Schwulenparagraphs“, Prager Frühling, Entmachtung Ulbrichts, Gorbatschows Perestroika, bis hin zu Montagsdemos in Leipzig und Mauerfall spannt. Um Wirklichkeitsnähe zu unterstreichen, tauchen neben der fiktionalen Personage immer wieder wirkliche Personen auf, darunter Arthur Pieck, Sohn von Wilhelm, oder Rudolf Herrnstadt und Wilhelm Zaisser, selbstverständlich auch Walter Ulbricht und Erich Honecker sowie ein gewisser Markus Fuchs, der Markus Wolf sein dürfte. Außerdem gibt es eine den gesamten Roman umklammernde Episode über den DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck, der jene Schule besucht, in der Yvonnes Tochter Kathinka gerade ihre ersten Klasse als Bestschülerin absolviert hat. Bei der Feierstunde sitzt sie in der ersten Reihe der Aula neben dem Präsidenten, ein Foto entsteht, das nachfolgend als Postkarte vom Verlag „Bild und Heimat“ vertrieben wird.
Zu Beginn des 31. Kapitels tritt der Erzähler plötzlich aus seiner Rolle heraus und deutet die Prinzipien seines Schreibens an. Er bekennt, sich für die folgenden Seiten besagten Kapitels „nur eingeschränkt für die Wahrhaftigkeit verbürgen“ zu können, nennt es gar einen „Bericht über Ereignisse, von denen ich nur oberflächlich … Kenntnisse aus zweiter Hand besitze“, ansonsten aber beteuert, weiterhin zu beschreiben, „wofür ich mich verbürgen kann, für die Kapriolen, welche die deutsche und die Weltgeschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schlugen“. Ein Bekenntnis, das ganz unmittelbar dem Romanmotto von Goethe gerecht wird: „Hartnäckig wird es Welt und Nachwelt leugnen: Du schreib es treulich in dein Protokoll.“ Auch mit einundachtzig Jahren ist und bleibt Christoph Hein der Chronist unter den Romanautoren. Sein Werk dabei ausschließlich auf 40 Jahre DDR zu verengen, greift zu kurz.
(Zuerst erschienen: SAX 06/2025)
Atemberaubend und atemraubend
Viel diskutierter Roman von Clemens Meyer
Clemens Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren und in Leipzig aufgewachsen, bekannt durch seine Romane „Als wir träumten“ und „Im Stein“, ist immer gut für Presse-Klatsch und Moral-Knatsch. Noch besser aber ist er, wenn er einen neuen Roman vorlegt. Letzten Herbst war es mit „Die Projektoren“ wieder soweit. Kapitel Eins. In der Romangegenwart besucht ein Amerikaner, der sich Mr. Smith nennt, die „Irren-Hilfs-Heil- und Pflegeanstalt“ des Dr. Güntz zu Leipzig-Thonberg. Im Gespräch mit Direktor Dr. Dulle werden Legenden der Vergangenheit wach. Während Smith radebrechend („Ihr Deutsch ist wirklich gut“) zu wissen behauptet, „Teddy Thälmanns Hände sollen groß wie Teller gewesen sein“ und ihn einen „kommunistischen Old Shatterhand“ nennt, weiß Dulle englisch sächselnd („Der Sachse läßt die Zunge schleifen“) damit zu kontern, 1865 habe ein Insasse die Wände seines Zimmers beschriftet, darunter die rätselhaften Wörter „Rex Damagdarut“, bevor er später unter dem Namen Dr. May als „Schriftsteller und Reisender zu Weltruhm gelangte“. Kapitel Zwei. Im Kriegswinter 1942 in Novi Sad, deutsch „Neusatz“, treibt unterm Eis der Donau ein junge Frau, „ihr blondes Haar fächert sich weit um ihren Kopf … bis zu ihren Hüften“, sie bewegt ihre blauen Lippen, „als wäre noch ein winziger Rest Leben in ihr, als würde sie beten unter dem Eis“. Später sitzt ein Mann in einem „alten Pelzmantel aus grauschwarzem Wolfsfell“ und „Ustascha-Borte“ am Revers mit jener blonden Frau in einem „Bioskop“ von Novi Sad, in dem „Durch die Wüste“ gegeben wird, die Verfilmung des Karl-May-Romans aus dem Jahr 1936, und sieht im Vorführraum „die beiden Zeiss-Ikon-Projektoren aus Dresden“, was zugleich ein erster Hinweis auf den Romantitel ist. Kapitel Drei. „LEX“, kein geringerer als Lex Barker, US-amerikanischer Schauspieler, Darsteller von Tarzan und Old Shatterhand, steht 1965 „inmitten eines Getreidefeldes“, erinnert sich, wie er 1944 als Soldat der US-Armee in Italien ein Massengrab entdeckte und an seine Kriegsverwundung, wegen der er eine Silberplatte im Schädel tragen muß, fragt sich, wie er in dieses Feld geraten ist, da er doch „eben noch in der weißen Stadt“ (Belgrad) war, wo er zusammen „mit dem Marschall Tito … in dessen kleinem Privatkino“ einen deutschen Wester gesehen hat, in dem er, „LEX“, die Hauptrolle spielt.
Diese dreiteilige Ouvertüre von nur sechzig Seiten zusammen mit dem Romanmotto „Ich bin Hakawati, ein Märchenerzähler“, das Dr. May zugeschrieben wird, deuten an, was die Leser auf den folgenden eintausend Seiten zu erwarten haben. Eine Person, in der sich viele Erzählstränge bündeln, die älter werdend die Zeitläufe durchmißt, ist jener Mann im Pelzmantel, der „Cowboy“ genannt wird. In dieser Figur und am Beispiel Jugoslawiens spiegelt Meyer vieles wider, was das 20. Jahrhundert an Aberwitz und Grausamkeit zu bieten hat. „Cowboy“, so genannt, weil er ein rot kariertes Tuch mit der Spitze nach vorn um den Hals trägt, war Karl-May-Leser und Stummfilm-Kenner, Kinder-Partisan „im großen Krieg“ unter Tito, nach 1945 Verbannter auf berüchtigter Gefängnisinsel sowie in armseliger Hütte im kroatischen Velebit-Gebirge am Fuße des Tulove Grede, Komparse und Dolmetscher bei westdeutschen Karl-May-Filmproduktionen, Freund von Lex Barker, als Ausgewanderter in der BRD Autor von Westernromane für Groschenhefte und schließlich als 87jähriger Wanderkinobetreiber mit zwei alten Projektoren auf der Lkw-Pritsche im Irak, wo er seine Nichte, Soldatin bei einem NATO-Einsatz, vermutet. Clemens Meyer spannt den Bogen vom Zusammenbruch der Donaumonarchie über Ersten und Zweiten Weltkrieg bis hin zu den Balkankriegen. Bitter resümiert der „Cowboy“, daß die Kriege kein Ende nehmen und „er begriff, dass er weder für Jugoslawien noch für Serbien kämpfte, sondern dem Krieg und dem Wahnsinn den Weg bereitete“.
Zwischenzeitlich springt der Autor in die Gegenwart und sein eigenes „Ich“, Gojko Mitić sammelt Geld zur Unterstützung der Indianer-Proteste von Wounded Knee und Winnetou-Darsteller Pierre Brice reist mit dem Geld nach Chikago, in Zwickau gründet sich das neofaschistische Netzwerk „Kara Ben Nemsi“ und ein seltsam gekleideter Mann, der sich „Hadschi“ nennt, taucht auf, in Leipzig hausen Skins im Turm der Güntz-Anstalt und in Zagreb wartet eine neofaschistische Söldnergruppe auf ihren Fronteinsatz. Und was ist mit „Damagdarut“, über das sogar im Internet gerätselt wird? Es ist ein „Märchenwort“, gefügt aus den Städtenamen Damaskus, Bagdad, Beirut.
Clemens Meyer hat ein atemberaubend gewichtiges, auch atemraubend übergewichtiges Buch geschrieben, das als Solitär völlig quer in der Landschaft deutschsprachiger Gegenwartsromane liegt. Zwar verfehlte er damit knapp den Deutschen Buchpreis 2024, erhielt dafür aber Bayrischen Buchpreis (10.000 ) und Lessingpreis des Freistaates Sachsen (20.000 €), die keine Trostpreise sind.
(Zuerst erschienen: SAX 02/2025)
Lausitzer Familiengeschichte
Dritter Roman von Lukas Rietzschel
Bei der Suche nach DDR-Erklärern und Ost-Verstehern kommt der Literaturbetrieb an Lukas Rietzschel nicht mehr vorbei und es sieht danach aus, als wäre das momentan seine Hauptrolle: Interviews, Podiumsgespräche, Talkshows. Geboren 1994 in Räckelwitz, in Kassel Politikwissenschaft und Germanistik, an Hochschule Zittau/Görlitz Kulturmanagement studiert, 2018 mit dem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ debütiert, dem der Roman „Raumfahrer“, drei Bühnenstücke sowie Stipendien in den Villen Concordia, Aurora und Massimo folgten.
Getrost kann von einer Regional-Trilogie gesprochen werden, denn wie bei seinen Vorläufern ist auch die Handlung von Rietzschels drittem Roman in der Lausitz angesiedelt. Der Prolog erzählt auf acht Seiten von zehn Raben, die, zurückverwandelt in nackte Männer, 2021 am Sanditzer Stadtrand eine Bismarck-Statue vom Denkmalsockel stürzen. Spätestens als sie sich mit Namen wie Krabat, Andrusch, Juro usw. rufen, weiß der Leser, es handelt sich um Figuren aus der bekanntesten Sage dieses Landstrichs, eine Anspielung auf die Krabat-Bücher von Otfried Preußler oder Jurij Brězan ist das allerdings nicht. Im nachfolgenden Kapitel berichtet zwar die „Morningshow bei MDR Jump“ von dem Vandalismus, aber der Autor läßt das Thema schnell wieder fallen, wie Vieles, was er anpackt, in beiläufiger Zufälligkeit versickert. Dreh- und Angelpunkt ist die fiktive Kleinstadt Sanditz, wo randstädtisch drei Generationen der Familie Wenzel in zwei Bungalows wohnen, nachdem ihr Heimatdorf beim Braunkohleabbau weggebaggert worden war. Die Altvorderen Erika und Norbert, sie aus Schlesien vertrieben, er 2012 verstorbener Orgelbauer, ihre um 1950 geborenen Kinder Marion und Dirk, sie mit dem schwulen Roland Moschnik eine Scheinehe eingegangen, er bei seiner Mutter wohnender, persönlichkeitsgestörter Techniknarr, sowie das 1983 von Marion geborene Zwillingspaar Maria und Tom, sie nach Studium in Kassel Reporterin für Sanditzer Lokal-Presse, er arbeitsloser Ex-Polizist. Ringsum gruppieren sich Freunde, Kollegen, Nachbarn und Gemeindemitglieder. Zwei Erzählstränge bündeln das Geschehen. Die DDR-Zeit setzt 1978 ein, arbeitet sich in diskontinuierlichen Sprüngen voran und findet ihr Ende 2001, während das Gegenwärtige die Jahre 2021/22 umkreist. Die erzählten Episoden können durchaus Mitgefühl für die handelnden Personen und dramatische Momente entwickeln, die Dialoge sind lebensnah, auch die Beschreibungen kleinstädtischer Tristesse und landschaftlicher Besonderheiten sind zumeist gelungen. So weit, so gut. Aber die Anhäufung allzu oft schon andernorts erzählter Begebenheiten, von vielerlei Klischees über DDR und Lausitz, über Vor- und Nachwendejahre soll nicht verleugnet werden. Ausgewählte Beispiele: Weggebaggerte Lausitzdörfer. Deutsch-Russin im Neubaublock. Soldatische Grundausbildung von Syrern in DDR. Ausländerfeindlichkeit. Schwulsein in DDR. Stasi-Befragung der Pfarrerin. Sexuelle Belästigung durch Superintendenten, der Marion schwängert. NVA-Offizier nicht von Bundeswehr übernommen. Verdächtiges Knacken bei Telefonverbindungen. Uniformierter Volkspolizist bricht Schriftsteller-Lesung in Kirchgemeinde ab. Das Abtippen ganzer Bücher, die in Aktenordnern von Gemeindebibliothek ausgeliehen werden. Bausoldat in Prora. Platten von West-Stars bei Amiga. Dienstreisen des Orgelbauers in den Westen und stundenlange Verhöre bei immer dem selben Grenzer. Stasi verbrennt Akten auf Mülldeponie. Besetzung kleinstädtischer Stasizentrale als Massenereignis. Arbeitsloser Wendeverlierer als Hilfsarbeiter auf Baustellen in Frankfurt/Main. Schwarz-weiß-rote Fahne auf Bauernhaus. Kinderbanden. AfD-Mitgliedschaft. Corona-Leugner und Impfgegner. Kein Handyempfang. Als ob das nicht schon mehr als genug wäre, fährt Tom mit einem Kleinbus voller Spendengüter in die Ukraine, dort angekommen gibt er den Autoschlüssel einer Tankstellenverkäuferin, sagt: „It's a gift.“ Dann stopft er seinen Paß und sein Leben „durch den Schlitz eines Gullideckels“, zieht als Söldner in den Ukraine-Krieg, von dem naturalistisch detailliert über mehrere Kapitel Grabenkämpfe, Drohnen- und Panzerangriffe geschildert werden. Spätestens dann hofft der Leser, jetzt müßte doch mal einer von den großkopferten Literaturrezensenten mit der Faust auf den Büchertisch schlagen. Denkste! Selbst eine der schönsten Episoden, in der Ex-Bausoldat Dirk nach Prora fährt, sich in eine Frau verliebt und nach 40 Jahren seine Paranoia und Ängste besiegt, kann am Ende das Buch nicht retten.
(Zuerst erschienen: SAX 06/26)
Arbeit im „Weinberg“ zu Trachenberge
Pfarrer Burkhardt erinnert sich an seine Dresdner Jahre
Dies ist kein „erbauliches“ Buch, obgleich darin „Erbauung“ eine Rolle spielt. Der Autor, Frieder Burkhardt, 1943 im Erzgebirge geboren, studierte Theologie in Leipzig, gehörte jener jungen DDR-Pfarrergeneration an, die eine erstarrte Kirchenliturgie aufbrechen und die gesellschaftliche Bedeutung von Kirche und Christentum stärken wollten. In seinem Handeln und Wirken von der Bekennenden Kirche Dietrich Bonhoeffers bestimmt, war Burkhardt in der DDR Mitbegründer der „Offenen Jugendarbeit“, die er 1970-1976 als zweiter Pfarrer in der Weinbergsgemeinde Dresden-Trachenberge, kurz „Weinberg“ genannt, mit dem großen Ziel „Suche nach gelingendem Leben“ praktizierte. Zu lesen ist eine teils anekdotische, teils dokumentarische Aneinanderreihung von Inhalten, Vorbereitung und Durchführung der legendären „Ökumenischen Jugendgottesdienste“ sowie Beispiele heikler seelsorgerischer Pflichten, Predigttexte, Texte für moderne Kirchenlieder, programmatische Szenentexte. Dabei gelingt es dem Autor nicht immer, neben Selbstzweifeln eine zum Heldentum tendierende Selbststilisierung zu vermeiden. Daß nicht nur progressive Kirchenangestellte bereit waren, Widerstand zu leisten, auch Menschen anderer Berufe mitunter Kopf und Kragen riskierten, wird selten oder nie thematisiert. Ein hellsichtiges Selbsturteil Burkhardts lautet: „Der größte Mangel dieser Erinnerungen sind die Weglassungen.“ Die Namen wichtiger Protagonisten werden geändert, viele müssen, Vieles muß ungenannt bleiben, fehlende Bildunterschriften lassen Abbildungen buchstäblich nichtssagend erscheinen. Nachdem die so genannte „Offene Arbeit“ und das „Offene Haus“ der Pfarrersfamilie zur Institution unter Jugendlichen aus dem gesamten Stadtgebiet geworden waren, Burkhardt in den zuständigen Behörden „Gammlerprophet“ oder „Hottentottenpriester“ genannt wird, wächst der auf ihn ausgeübte Druck seitens Kirchen- und Stadtleitung ständig. Die Gründe für das Ende vom „Weinberg“ läßt der Autor merkwürdig in der Schwebe; einerseits werden eigene Bestrebungen die Arbeit in Dresden abzubrechen und Bemühungen eine freie Pfarrstelle zu finden angedeutet, andererseits wird der Eindruck erweckt, es habe sich um eine zwangsweise Versetzung gehandelt. Der Nachfolger im „Weinberg“, Christoph Wonneberger, wird mit keinem Wort erwähnt. Eigentlich wollte Frieder Burkhardt den „zahllosen Büchern, die es schon gibt“, kein weiteres hinzufügen, heißt es im Dank an seine Kinder, die ihn zu diesem Buch ermutigt haben. Er hätte auf seine innere Stimme hören sollen. Aber: Dresdner Stadt- und Kirchengeschichte bietet das Buch allemal.
(Zuerst erschienen: SAX 11/2021)
Ost-Deutsche als „Einschlusskollektiv“
Zorn und Glück der Ines Geipel
Diese Kurzbiografie kennt man inzwischen. 1960 in Dresden geboren, Kinder- und Jugendsportschule Jena, Leistungssport mit etlichen Rekorden als Sprinterin, Rekord auch ein neunjähriges Germanistikstudium, SED-Mitglied bis 1989, August '89 Flucht über Ungarn nach Darmstadt, in der Folge Studium von Philosophie und Soziologie, Lehraufträge für Literaturwissenschaft, schließlich Professorin für Deutsche Verssprache an der Schauspielhochschule „Ernst Busch“ in Berlin. Die Rede ist von Ines Geipel, bekannt als Rächerin der Enterbten und Beschützerin gedopter Sportler sowie unterdrückter Literaten. Neben ihren Versuchen, Teile der DDR-Jahre zu analysieren, was Bücher wie „Verlorene Spiele“, „Zensiert, verschwiegen, vergessen“ oder „Umkämpfte Zone“ nach sich zog, veröffentlichte sie auch Romane und Gedichte. Jetzt arbeitet sie sich wieder an der DDR, ihrer Biografie und daran ab, was daraus geworden ist. „Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“, heißt es im Untertitel. Geipel beginnt mit dem 09. November 1989 und sprintet chronologisch bis in unsere Gegenwart vor, wobei sie parallel dazu immer wieder in die Vergangenheit zurückspringt. Zeitliche Etappen, die zu einzelnen Kapiteln werden, sind Deutsche Einheit, Hungerstreik der Kalikumpel von Bischofferode, Legendenbildung um Buchenwald, Aufarbeitung „SED-Diktatur“, strafrechtliche Prozesse zum „DDR-Unrecht“, Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, DDR und Shoah, AfD und Pegida in Dresden, Erich Loest und Werner Schulz, Maidan und Ukraine. Daraus baut Geipel sehr disparate Textteile, die nicht vor den üblichen Geschichtsklischees haltmachen. Ost-Deutsche sind generell Menschen, die vierzig Jahre in einem „Einschlusskollektiv“ lebten. Unvermittelte Hinweise auf Mitarbeit beim Staatssicherheitsdienst haben etwas Denunziatorisches. Als gelte es für Ines Geipel, ihre Deutungshoheit in Sachen DDR mit allen Mitteln zu verteidigen, sind die Bücher „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann nichts als „Getöse“ und „Diesseits der Mauer“ von Katja Hoyer ein „aus den Veröffentlichungen anderer locker zusammengesetztes Patchwork“. Auch Geipel erzählt hauptsächlich nach, hat sich als Stütze ihrer Themen und Thesen gängige Vorreiter gesucht, die ausgiebig zitiert werden. Für eine Germanistin verwendet sie auffallend kryptische Formulierungen und setzt auf merkwürdige Begriffsfindungen. Da ist die Rede von „Kommunismen“, „Demagogie-Finstler“, „zirkulierende Interessensklumpen“, „Auslöschungsstadt“, „changierendem Schredderkosmos“ und „durchdebattiertem Kontinuitätenbruch“. Aus dem „Binnenkollektiv“ wird „ausdelegiert“, es sollte „nicht mehr veropfert werden“, die Mutter „wollte keine Stangenware sein“ und „die Diktaturgeschichte der DDR wurde knochentrocken gebodigt“. Schließlich stellt sich die Frage, was sind „sächsische Körper“ und was ist „Silhouettenlicht“. Wenn aber Geipel die Geschichte vom „Fabelland“ beiseite läßt und entlang ihrer ureigenen Geschichte erzählt, wird es interessant. Zum Beispiel ihr spannendes Nicht-Verhältnis zu ihren Eltern, einem Vater, der „unter acht verschiedenen Namen … für den Ost-Geheimdienst im Westen spionierte“, und einer Mutter, die darüber „im Bilde“ war. Was allerdings in diesem Buch nicht reflektiert wird, inwieweit erst der Staatssicherheitsvater seiner Tochter eine Karriere als Leistungssportlerin und Zugang zum Germanistikstudium ermöglicht hat. Sonst werden hier durchaus wichtige und wohl auch richtige Fragen gestellt, jedoch fragt sich, ob diejenige, die diese Fragen stellt, auch die „Richtige“ ist.
(Zuerst erschienen: SAX 12/2024)
Kassandrarufe
Neues Buch von Jana Hensel
Der Buchtitel ist etwas unglücklich gewählt. Erstens kling er zu märchenhaft, zweitens zu sehr nach einem weiteren Buch über die DDR. Zum Glück geht es der „Zonenkinder“-Autorin Jana Hensel, geboren 1976 in Borna, um die alles andere als märchenhaften dreieinhalb Jahrzehnte der Nach-DDR-Zeit. Sie wollte dieses Buch „über das Ende eines Traums“ nicht schreiben, offenbart die Autorin schon in den ersten Zeilen kokett, sie habe sich „nicht mehr für den Osten interessiert“, wollte „den Osten loswerden“, hat, wie viele Andere auch, irgendwann über „das Ostdeutsche in sich selbst“ geschwiegen und so getan, „als existierte diese Seite“ in ihr nicht. Als sie aber nach der letzten Bundestagswahl Februar 2025 die im Osten weitgehend blau eingefärbte Wahlergebniskarte sah, wußte sie, daß sie sich „wieder einschalten“ muß. Erneut verknüpft sie ihre kleine private Welt mit der großen Politik, erzählt, wie sie „in den Herbsttagen des Jahres 1989“ an der Hand ihrer Mutter „als 13-jähriges Mädchen zu den Leipziger Montagsdemonstrationen gegangen“ ist und fortan die Demokratie ihre „ständige Begleiterin“ war oder wie sie sich vor zehn Jahren vom Vater ihres Sohnes trennen mußte und vergleicht ihre Trennung mit der der Ostdeutschen von ihrem Land, weil „die ostdeutsche Gesellschaft der vergangenen 35 Jahre … erkennbare Züge eines Liebenden“ trage. Es sei also „eine Reise zu tun … in eine sich immer mehr verschließende Welt aus Orten, die ich nicht freiwillig aufsuchen würde, in Gedanken, die verstören werden“, verabredet sich mit Politikern aller Couleur, versucht, Antworten auf ihre Frage zu finden, „warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“. Aus den Gesprächen werden Politikerporträts, die jeweils 15 bis 35 Seiten umfassen, was das Kernstück des Hensel-Buches ist. Sie reist nach Weißwasser, redet mit Tino Chrupalla, und nach Dresden, spricht mit Maximilian Krah, beide AfD. Freunde reden ihr ins Gewissen: „Jana, vergiss nicht, das sind Nazis!“ Jana denkt: „Chrupalla ist nur ein Jahr älter als ich … Das schafft schnell eine gewisse Nähe.“ Und in Dresden: „Ich muss Krah gar nicht lange zuhören, schnell wird mir klar, dass uns beide – abgesehen vom fast gleichen Alter – nicht viel miteinander verbindet.“ Weiter geht die Reise nach Berlin, wo sie Benedikt Kaiser trifft, erst „radikaler Neonazi“, heute „neurechter Vordenker“ im Büro eines AfD-Bundestagsabgeordneten. Es folgen in Hamburg Alexander Teske, erst linksliberaler ARD-Mitarbeiter, nach Entlassung Buch über ARD in rechtem Verlag, in ihrem Dresdner Büro Antje Hermenau, erst 25 Jahren Mitglied der Grünen, heute Politikberaterin und „Grünenhasserin“, im Schweriner Landtag Manuela Schwesig, SPD, in Erfurt Katja Wolf, erst Die Linke, dann BSW.
Wirkliche Antworten findet Hensel bei diesen Gesprächen kaum, und wenn, dann gut verpackt in Selbstdarstellungen der Gesprächspartner. Das ist weit entfernt von ihrer eigentlichen Zielstellung, die sie so benennt: „Ich will … erzählen und beschreiben, was ich sehe, was sich zuträgt in den Dörfern und Städten in der ostdeutschen Peripherie, in den Köpfen und Seelen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.“ Es damit einzulösen, indem sie episodenhaft berichtet, wie Angela Merkel beim Wahlkampf 2017 in Finsterwalde gnadenlos ausgepfiffen wird und wie Merkel 2025 in Parchim ihre „Freiheit“ signiert, reicht nicht. Gute Nebeneffekte des Buches sind diverse „politische Bilanzen“ der vergangen 35 Jahre sowie eine hellsichtige Analyse der Kanzler-Amtszeiten von Kohl, Schröder und Merkel, auch wenn Bücher anderer Autoren vergleichbares leisten. Der gelegentliche Lektüreeindruck, bei Jana Hensel handele es sich um die Kassandra von Borna mit absoluter Deutungshoheit sowie weit und breit die einzige ostdeutsche Demokratin, ist nicht von der Hand zu weisen. Brauchen wir ein solches Buch? Wer die Verlagswerbung dafür liest, in der es heißt: „Erscheint im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern“, fragt sich, ob das Buch im Auftrag der genannten Landesregierungen entstanden ist, um bei den Wahlen im September 2026 vielleicht doch noch zu retten, was schon verloren scheint.
(Zuerst erschienen: SAX 04/2026)
Anspielungsreiches Spätwerk
Gedichte von Wilhelm Bartsch
Im Poesiealbum Numero 208 des Jahrgangs 1985 heißt es in der Kurzbiografie des 1950 in Eberswalde geborenen Wilhelm Bartsch: Rinderzüchter, Philosophiestudium, Korrektor, Rotationsarbeiter. Ein Jahr später ergänzt das Buchdebüt „Übungen im Joch“ um die Tätigkeiten: Rolleur, Heimerzieher, Postfacharbeiter. Das sagt wie immer wenig und nichts. Was zählt, daß sich daraus ein Dichter geformt hat. Neben Roman, Erzählung, Legende und Märchen ist sein Hauptgeschäft die Lyrik geblieben. Beziehungsreich und geschichtsbesessen war er von Beginn an und ist es noch, was seine jüngste Sammlung eindrucksvoll unter Beweis stellt. Einst hat Peter Rühmkorf (1929-2008) einen seiner späten Gedichtbände „Vorletzte Gedichte“ genannt. Enthält die jetzt von Wilhelm Bartsch veröffentlichte Sammlung „Letzte Gedichte“? Unüberlesbar geht es um Abschiede jeglicher Art. Schon die Stimmen auf Klappe und Rücktitel kommen von zwei Toten; Michael Braun 2022 verstorben, Jürgen Engler 2023. Bereits das erste Wort im ersten Gedicht heißt „Farewell!“, womit sich Bartsch auf das 87. Sonett von Shakespeare bezieht, der Titel aber, „Mein Eigentum“, läßt wiederum an das wohl bekannteste Gedicht zur Deutschen Einheit „Das Eigentum“ von Volker Braun denken. Dieses Buch ist kein willkürliches Kompendium poetisch angehauchter Zufallsprodukte, vielmehr ein durchkomponiertes „Konzeptalbum“, wobei das „Leb wohl!“ die allumfassende Klammer bildet. Folgerichtig begegnen uns sowohl das Abschiedswort als auch das „Eigentum“ im vorletzten Gedicht des Bandes wieder. In „Durchs Schauerfeld“, eine Anspielung auf Arno Schmidt, heißt es in den Schlußversen: „Farewell, verfehlte Welt und Un-Glück nun!/Der Traum im Schauerfeld bleibt Eigentum.“ Wiederkehrende, dabei vielfältig variierte Metaphern und Themen halten die Gedichte wie einen locker geknüpften Sonettenkranz zusammen. Dazu gehören insbesondere die Titelgebenden Begriffe „Hohe See“ und „Niemandsland“. Laut Seerecht steht die Hochsee allen Staaten offen und gilt somit als Inbegriff von Freiheit. Als Pendant kann das Niemandsland gelten, ein herrenloses, unwirtliches, nicht besiedeltes Land, Grenzland, Land zwischen Kriegsfronten. Diese Synonymität lotet Wilhelm Bartsch nach allen Regeln der Kunst aus. Sogar der „Nowhereman“ von John Lennon kommt ins Spiel. Weltgegenden und Ereignisse sind reichlich vorhanden, Borkenkäfer und Corona, Island, Lappland, Ararat, Bergkarabach oder Ukraine ebenso, wie Saale und Elbe. Auch die heikelste Schwärze im Menschheitsgedächtnis meistert er, zu Birkenau heißt es: „Wie kann ich Auschwitz noch unfassbar fassen,/Wenn wir Gas geben und die Welt verprassen.“ Daß Bartsch kein Kind von Traurigkeit ist, bezeugen seine Verse bei so viel melancholischem Abschied aber auch: „Ich war nie trüber Gast der dunklen Erde,/Auch du nahmst hier, wo's schön ist, deinen Sitz,/Und die Verwehung unsres Staubes werde/Bis hierher unser bester ernster Witz.“
Weil beinahe jeder Text mit einer Fülle von assoziativen Anspielungen gesättigt ist, spendiert der Dichter neun Seiten mit Anmerkungen. Da wird so mancher Purist, der sich gern geheimnisvoll und hermetisch gibt, die Nase rümpfen. Aber diese Hin- und Querverweise haben nicht nur informellen sondern durchaus auch künstlerischen Wert. Bartsch merkt dazu an: „Man lese sie als Danksagungen, denn wer niemandem und keinem Umstand etwas zu verdanken hat, der hat schließlich auch sonst nicht viel zu sagen.“ Es sollte sich niemand scheuen, dieses Spätwerk zugleich ein Meisterwerk zu nennen.
(Zuerst erschienen: SAX 08/2024)
Heiko, Duosan und Hannes Hegen
Neue Gedichte von Lutz Seiler
Es gibt Texte, da ist die Schulfrage „Was will der Dichter uns damit sagen?“ schlichtweg unanständig. In diese Kategorie gehören die Gedichte von Lutz Seiler. Und doch. Man wird ja mal fragen dürfen. Oder? Seilers Generalthema ist und bleibt die DDR. Was dieses Staatsgebilde sein wollte, was es war und bewirkt bzw. wie es auf den Einzelnen gewirkt hat, sind Motiv und Motivation seines Schreibens von Anfang an. Das bildet den Hintergrund vieler seiner Gedichte, aber auch der überaus erfolgreichen Romane „Kruso“ und „Stern 111“. Sein neuer Lyrikband ändert daran nichts. Es gibt die Begrifflichkeiten mit Signalwirkung, bei denen die Erinnerungen der Leser lustvoll zugreifen; Füllfederhalter Heiko, Duosan Rapid, Muckefuck (in Sachsen Muggefugg), Igelit oder Hannes Hegen. Es gibt die Kindheit in der Gegend um Gera mit Uran-Abbau und geschleiften Orten. Da sind Dialektbegriffe wie „gohrdrubbe“ und „eischne erdäppel“. Auch der Volksarmee mit Kragenbinden und „schlaf-befehl des uvd“ wird gedacht. Den Ortswechsel gibt es wieder von der Randlage Thüringens in die Randlage Brandenburgs mit Kiefern und Sand. Selbst der Gedichttitel „Hubertusweg“ doppelt sich, den es schon einmal im Seiler-Lyrikband von 2003 gab mit dem Vers: „nachts in den maserungen der iris vergraben“. Jetzt heißt es: „nachts wünschte ich mir noch einmal die augen zu kühlen“. Auch Peter Huchel (1903-1981) nannte eines seiner Gedichte so, denn dort, Hubertusweg 41 in Wilhelmshorst bei Potsdam hat er bis zu seiner Ausreise aus der DDR gewohnt, wo heute wiederum Lutz Seiler wohnt. Bei Huchel klang um 1970 ein Vers so: „Und in der Nacht/das Sausen in den Schlüssellöchern.“
Umso mehr lassen jene Gedichte aufhorchen, mit denen Seiler aus den Schatten von Abraumhalden und Kieferngewölben, aus „Ahnenapparat“ und Plumpsklo heraustritt. Dann blitzen schwedische und irische Landschaften auf oder Menaggio und Trouville finden sich in der Titelliste. Mitunter ist hier die Sprache der Gedichte weniger verrätselt, wie in dem zweistrophigen Gedicht, das die Sagagatan in Solna, nördliche Gemeinde von Stockholm, aufruft: „letzte nacht sind die lampen/im fenster gewachsen, dritter/stock rechts gegenüber./etwas hat sie groß gemacht/während wir schliefen“. Hier finden die Gedanken zu einer Klarheit, die sogar an den schwedischen Dichter Tomas Transtörmer denken lassen. Häppchenweise ahnt man etwas von der Schönheit dieser Gedichte, aber es bleibt eine Ahnung, erklärbar ist beinahe nichts. Die vom Autor beigefügten Anmerkungen führen zumeist in weit entfernte Gebiete des jeweiligen Gedichts, also eher in die Irre, als daß sie irgendetwas erklären. Elf Jahre hat die Leserepublik fiebernd auf neue Gedichte von Lutz Seiler gewartet. Hat sich das Warten wirklich gelohnt?
(Zuerst erschienen: SAX 02/2002)
Geschichten über die „Erde bei Meißen"
Aus dem Nachlaß von Wulf Kirsten
Wie Hermann Hesse hat auch Wulf Kirsten keine Autobiografie geschrieben. Was hat das miteinander zu tun? Überliefert ist, Kirsten habe die autobiografischen Erzählungen Hesses über seine Kindheit in „Gerbersau“ und Nagoldtal sehr geschätzt. Vielleicht war das ein denkbarer Anreiz dafür, die eigene „Dorfkindheit“ in dem 2000 erschienenen Erzählzyklus „Die Prinzessinnen im Krautgarten“ zu spiegeln. In Gesprächen hat er später durchblicken lassen, da wäre noch mehr zu erzählen, was auf eine Fortsetzung hoffen ließ. Jetzt, nachdem Wulf Kirsten im Dezember 2022 verstorben ist, gibt es sie mit fünfzehn Erzählungen aus seinem Nachlaß. Mehr noch als zuvor wird das familiäre Geflecht deutlich, wird die „Erde bei Meißen“ nach Herkunftsspuren und den damit verbundenen Geschichten von Verwandten, Schulfreunden und Bekannten durchackert, wobei auch überlieferte Gegenstände und aufgeschnappte Gespräche Zeugnis ablegen. Zu nennen wäre „eine spielzeughaft kleine Wasserwaage“, die als „Reststück“ auf den Erzähler kam, einst Großonkel Otto gehörte, einem Tischler, den abenteuerliche Lebensumstände von seinem Geburtsort Steinbach bei Unkersdorf bis nach Brasilien, Chikago und Südafrika führten, der in der Weltwirtschaftskrise Vermögen und Verstand verlor, um schließlich, nach Deutschland zurückgekehrt, „1940 auf dem Sonnenstein über Pirna … in einem Keller vergast“ zu werden. Oder das für die dörfliche Welt unerhörte Ereignis des Besuchs der „ausgesprochen städtisch-elegant und sehr exotisch“ wirkenden „Tante aus Kutno“, die bei aller Eleganz zusammen mit Mutter und fünf Kindern auch in der Gemeinschaftskammer schlafen mußte. Während die Erwachsenen dachten, keines der Kinder sei mehr wach, spitzte der achtjährige Wulf darauf, etwas zu erfahren, was er hätte niemals erfahren sollen. Die Tante aus dem polnischen Kutno berichtete ihrer Schwägerin von massenhaften Judenerschießungen, und das Erzählte war so bildhaft und eindringlich, so weit weg von der „Lebenswelt“ des heimlichen Ohrenzeugen, daß er späterhin nicht behaupten konnte, „das mitgelauschte Gespräch je verkraftet zu haben“. Zu den mit jeweils um die zwanzig Seiten umfangreichsten Erzählungen gehören „Der Verschollene“, ein Erinnerungsmal für jene Mitschüler, die nach Kriegsende unter Wehrwolf-Verdacht verhaftet, verschleppt und, nicht selten, hingerichtet worden sind, „Die Steinbrecherhütte“, ein genau recherchiertes Schicksal der achtköpfigen Flüchtlingsfamilie Speil, die es Januar 1945 ins Briesnitztal nahe Schönbach verschlägt, wo sie in der titelgebenden Behausung einfallsreich wie bei einer Robinsonade überlebt haben, und schließlich das Landschaftsporträt „Felsenfest“, mit Herzblut beschriebene „Elbsandsteinexkursionen“, die 2016 für ein Künstlerbuch mit Radierungen von Ullrich Panndorf entstanden sind.
Die Ausstattung des Buches mit Grafiken von Susanne Theumer hätte Wulf Kirsten gefallen. Weniger begeistert wäre er vermutlich über das schwächliche Nachwort des Herausgebers Jens-Fietje Dwars gewesen, das kaum Neues bietet; wo und wann geboren, „Steinmetzsohn“ und „Landschafter“ kann in beinahe jedem Klappentext nachgelesen werden. Auch hätte Kirsten es wohl zur Herausgeberpflicht erhoben, auf die Quellen hinzuweisen, in denen der eine und andere seiner Texte bereits erschienen sind; zum Beispiel „Gehügelter Landstrich“ in der Zeitschrift SIGNUM, „Umlenkungen“ als „Die Umlenkung“ in Edition Muschelkalk, „Steinmetzgarten“ und „Das Uhrmacherhaus“ im Verlag Ulrich Keicher.
(Zuerst erschienen: SAX 10/2023)
Was machte ihn populär?
Buch zur Biermann-Ausstellung
An diesem Buch muß nicht herumgemeckert werden. Es enthält keine Selbsbeweihräucherungsauskünfte Biermann'scher Prägung, sondern zwölf Beiträge aus sehr verschiedenen Federn über Wolf Biermann und fungiert als „Begleitpublikation“ der groß angelegten Ausstellung „Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland“, die bis 14. Januar 2024 im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen ist. Die Originalbeiträge von u.a. Roland Berbig, Ilko-Sascha Kowalczuk, Stefan Wolle umkreisen wichtige Aspekte aus Leben und Werk; der „öffentliche“, der 1965 verbotene, der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Biermann; Biermann und die Stasi, Biermann als Mitbegründer des „Berliner Arbeiter- und Studententheaters“ (b.a.t.), Biermann in der Bundesrepublik nach 1976, Biermann als Tagebuchschreiber und als Nachdichter aus dem Jiddischen. Der inzwischen 86jährige also auf allen Kanälen und in vielerlei Lebenslagen. Deutlich wird einmal mehr, wie sehr erst DDR-Maulkorb, Berufsverbot und Ausbürgerung Wolf Biermann populär gemacht haben. Nicht umsonst sang er in Richtung der SED-Bonzen: „Ihr macht, was ihr verhindern wollt: Ihr macht mich populär!“Erhellend deshalb der eindringliche Hinweis des Historikers Stefan Wolle, es sei ein Irrtum, „die Bekanntheit und Popularität Biermanns innerhalb der DDR zu überschätzen“. Er sei „vor allem unter den kritischen Intellektuellen“ bekannt gewesen, die sich gern mit „Zitaten aus seinen Liedern“ schmückten. Biermann konnte getrost provozieren, ihn schützte eine wachsende Bekanntheit in der BRD, wo seine Bücher und Schallplatten erschienen. Andere sind für weniger Provokation in den Knast gewandert oder daran verreckt. Umso wichtiger, wenn Museums-Präsident Raphael Gross in seinem Vorwort betont, daß eine weitere Ausstellung „sich mit den zahlreichen weniger prominenten Opfern der SED-Gewalt beschäftigen soll“. Da darf man gespannt sein, von welchen Opfern dann die Rede ist, wie das Historische Museum die Opfer-Elle anlegen wird. Mit Gabriele Stötzer, ehemals Kachold, kommt schon jetzt ein von den Medien auserkorenes Lieblings-Opfer zu Wort: „Biermann in meinem Leben. Vom Protest gegen die Ausweisung zur Erfurter Bürgerrechtsbewegung“. Ein wichtiger Aspekt fehlt, die so genannten „Wohnungskonzerte“. Weil Auftrittsmöglichkeiten fehlten und damit die Chance, neue Lieder vor Publikum auszuprobieren, fuhr Biermann immer wieder kreuz und quer durch die DDR, besuchte Freunde, gab in deren Wohnungen vor handverlesenen Freunden kleine Konzerte, es wurde getafelt, gezecht und heiß diskutiert. Auch im Dresdner Tal gab es solch einen „Biermann-Kreis“. Unerforscht und im Nebel bleibt, was mit den Freunden geschah, wenn der Gast längst wieder über alle Berge war. Das reich bebilderte Buch, mit einigen der bekanntesten Liedtexten von Biermann bestückt, ergänzt um Vorwort und Einleitung der Herausgeber, diverse Verzeichnisse, Nachweise und Register, ist eine gelungene Ergänzung zur Ausstellung, ohne Katalog sein zu wollen.
(Zuerst erschienen: SAX 08/2023)
Gedichte von Lawrence Ferlinghetti neu ausgewählt
Wenn eine neue Übersetzung oder Nachdichtung als „mutig“ bezeichnet wird, darf aufgemerkt werden. Lawrence Ferlinghetti, 1919 in Yonkers geboren, als letzter „Ur-Vater“ der US-amerikanischen „Beat Generation“ 2021 in San Francisco verstorben, hat alle „Beatniks“ überlebt, die er anfangs in seinem 1953 gegründeten „City Lights Booksellers & Publishers“ verlegt und verkauft hat; Allen Ginsberg, Jack Kerouac, William S. Burroughs, Gregory Corso, um nur die Spitze des Beat-Vulkans zu nennen. Aber neben seiner Existenz als Buchhändler und Verleger war er selbst auch Dichter, der in großartigen Langgedichten frei rhythmisch und unverblümt frei, poetisch und politisch zugleich, den Aberwitz des Lebens und seine Schönheit zu besingen wußte. Einige wenige deutsche Ausgaben sind von ihm erschienen; zuletzt bei Luchterhand vor achtzehn Jahren. Also war es durchaus an der Zeit für eine neue Auswahl. Samt neuer Nachdichtung wurde damit der 1973 in Jena geborene Ron Winkler beauftragt, der schon 2019 für eine erfolgreiche Übersetzung des Ferlinghetti-Romans „Little Boy“ gesorgt hatte. Übrigens liegt Nachwortautor Jan Wilm falsch, wenn er behauptet, dies sei der bisher einzige „auf Deutsch verfügbare Roman“ von Ferlinghetti; 1963 erschien „Sie“ bei Limes und 1991 „Die Liebe in den Stürmen der Revolution“ bei Goldmann.
Winkler beginnt seine Auswahl mit „Ein Coney Island unseres Geists“, einem neunundzwanzigteiligen Gedicht von 1958. Weil dieser Zyklus bereits in drei deutschen Fassungen vorliegt, wäre es interessant gewesen, mit dem drei Jahre zuvor veröffentlichten Ferlinghetti-Debüt „Pictures of the Gone World“ zu starten, dem bislang keine Nachdichtung zuteil wurde. Und seine Auswahl endet mit „Über all diese perversen Grenzen“ von 1984. Und dann? Die restlichen siebenunddreißig Lebensjahre, die auch Schreibjahre waren, werden ausgeblendet. Das Nachwort weiß, „seine wichtigsten und größten Gedichte fallen eher in den hier abgesteckten Zeitraum“. Wer kann das schon beurteilen? Aber wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst. Freuen wir uns darüber, wieder etwas von Ferlinghetti lesen zu können. Und in den auf 250 Seiten versammelten Gedichten ist eine ganze Menge drin. Harte Kritik an den USA („Dieses Land ist überflutet von Faschismus & von Angst“), an der eigenen Zunft („Die ihr dichtet, kommt aus euren Kammern“) und an den Waffen-Narren („für wirklich alle die im Namen des Friedens töten … erhebe ich meinen Mittelfinger“). Großartige Zwiesprachen mit Europa, mit London, Paris, Rom und Berlin. Oder das bewegende Prosagedicht „Pound in Spoleto“, in dem erzählt wird, wie der greise Ezra Pound während eines Literaturfestivals von einer Theaterempore herab ein Gedicht vorträgt: „Der Saal war schlagartig ganz still geworden. Die Stimme warf mich um, so weich, so dünn und so fragil und dennoch weiter trotzig. Ich senkte mein Gesicht auf meine auf dem samtenen Sims der Loge ruhenden Arme. Es überraschte mich, eine verlorene Träne auf meinem Knie zu sehen.“
Der Beat-Guru
Zwei Bücher von Allen Ginsberg
Obwohl „holy Allen“ erst 2026 hundert Jahre alt werden würde, wird buchtechnisch schon mal für das Ereignis Anlauf genommen. Zwei Bände erinnern an den Guru der „Beat Generation“ Allen Ginsberg (1926-1997). Herausgeber Michael Kellner, 1953 in Kassel geboren, hat sich als Verleger und Übersetzer der US-amerikanischen Beat-Szene einen Namen gemacht, neben Autoren wie Burroughs, Diane DiPrima, Kerouac, jetzt also Prosa und Lyrik von Ginsberg.
Der Titel „Prosa“ führt in die Irre, denn erzählende ist es nicht, vielmehr handelt es sich um sechs Essays, sechs Tagebuchauszüge, zwei Interviews und neun Briefe. Inhaltliches und zeitliches Spektrum sind zwar weit gesteckt, aber die späten Jahre der 1980er und 1990er fehlen fast vollständig, mit Ausnahme eines Versuchs der Begriffsdefinition „Beat Generation“ von 1981 sowie „Meditation und Poetik“ von 1987. Wenn Ginsberg über sein poetologisches Hinterland schreibt, kann es schnell kopflastig werden. Unterhaltsam, wenngleich auch Geschmacksache, ist die hinlängliche bekannte, drastische Wortwahl, deren sich Ginsberg, teilweise seine Homosexualität betonend, in Interviews bediente. „Wir alle reden miteinander … und wir reden darüber … wann wir uns im Hotel Ambassador in Prag einen Besenstil in den Arsch geschoben haben – jeder spricht mit Freunden über so etwas“. Nein, darüber spricht nicht jeder, das ist auch nicht jedermanns Sache, aber wie der Autor letztendlich die Kurve nimmt, um mit solch gearteter Drastik für die Aufhebung von Diskrepanz und Distanz zwischen lyrischem Sprechen und Alltagssprache zu plädieren, das ist dann wieder gar nicht lächerlich, vielmehr beachtlich. Oft mißverstanden, muß es Ginsberg ein großes Bedürfnis gewesen sein, sich zu erklären, denn nach einfachen Fragen kommt er schnell ins Parlieren, was sich im Buch über acht Seiten hinziehen kann, ohne daß der Interviewer den Gedankenstrom zu unterbrechen wagt. Von erfreulicher Lebens- und Informationslust zeugen die Briefe, deren Adressaten in Kellners Auswahl vor allem Ginsbergs Dichterkollegen sind. Unübertroffen zum Beispiel, wenn er Robert Creeley 1967 von seinem Besuch bei Ezra Pound in Venedig berichtet und mitteilt, er habe Pound, dem damals Zweiundachtzigjährigen, als Geschenk „Stg. Peppers Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles und „Blonde on Blonde“ von Dylan mitgebracht.
Der Band „Poetry“, zum Glück zweisprachig, zeigt nachhaltig, was Ginsberg eigentlich war, kein Erzähler oder Theoretiker, vielmehr ein Dichter von hohem Rang. Die Auswahl umfaßt fünfzig Jahre, zeigt beispielhaft Höhepunkte aus den Jahren 1947 bis 1997, darunter natürlich die Langgedichte, auf denen sich Ginsbergs Ruhm gründet. Mit wenigen Ausnahmen, neben dem Herausgeber noch Stefan Hyner und Jürgen Schmidt, wurden die Gedichte neu nachgedichtet. Dafür konnte ein „Who's Who“ deutschsprachiger Dichter gewonnen werden; u.a. Monika Rinck für „Kaddish“, Anke Stelling für „Who Be Kind To“, Caroline Hartge für „Wichita Vortex Sutra“, Durs Grünbein für „Kral Majales“ und Ron Winkler für „City Midnight Junk Strains“. Nicht mehr auffindbar ist Carl Weissner. Seine jahrzehntelang Maßstäbe setzende Nachdichtung von „Howl“ („Das Geheul“) wurde von Büchnerpreisträger Clemens J. Setz neu aufpoliert. Michael Kellner liefert dafür die merkwürdige Begründung, daß heute Formulierungen möglich sind, „die vor dreißig Jahren noch nicht denkbar gewesen wären“. Heißt das, auch Ginsberg würde seine Gedichte heute anders schreiben? Von enttäuschender Ignoranz zeugt, wenn der Herausgeber in seinem nachwörtlich kurzen Abriß zur deutschen Editionsgeschichte der Beat-Autoren die Stadtlichter Presse unterschlägt, jenen Verlag, der seit 2001 mit der Paperback-Reihe „Heartbeats“ in Einzelausgaben „Die Bibliothek der Beat Generation“ erscheinen läßt, darunter 2015 eine zweisprachige Ausgabe von Ginsbergs postumen Gedichtband „Tod & Ruhm“, was bei Kellner ebenfalls unerwähnt bleibt.
(Zuerst erschienen: SAX 11/2022)

Thilo Krause, 1977 in Dresden geboren, wohnt in Zürich und will die Dinge ganz lassen. Vor allem läßt er die Dinge an ihrem Platz, hievt sie nicht in einen verkünstelten Dichterhimmel, riegelt sein Sprechen nicht ab, sagt einfach, was er zu sagen hat. Wie im sechsteiligen Titelgedicht, das zu den Höhepunkten gezählt werden darf: "An der Grenze zum Schlaf/begann es zu regnen./Ich strich über dein Haar/das feucht war und kühl./Jeder Tropfen/fiel senkrecht durchs Haus./Ich schlief ein/im schmucklosen Innern des Regens." Selbst das Schwierige, nämlich seinen eigenen Kindern ein paar Verse zu widmen, meistert er mit Leichtigkeit: "Es gewittert und ich trage dich/von Zimmer zu Zimmer./So viel Gewalt/für deine blasse Stirn./In den Türritzen singt der Wind./Ich singe, wie um der Stille willen/wie um Platz zu schaffen/zwischen den Dingen". Von geradezu schmerzlicher Einfachheit und Schönheit ist sein Gedicht über das Zürcher Grabmal von James Joyce, wenn es heißt: "Alle Nächte/wird ihm die Brille blind/vom Tau./So sieht er/die Amsel nicht/ihren Schatten über die Gräber tragen/.../Bald macht sich die Amsel davon./Hinter ihr rastet die Luft ein/wie eine Tür." Es ist erst Thilo Krauses zweites Buch. Aber er spricht darin wie ein lange schon gewachsener Dichter. Mag sein, Krauses Gedichte muten seinen dichtenden Generationsgefährten etwas konventionell an, aber "monolithisch" gemäß Beyer sind sie niemals.
Schließlich das dreißigste "Jahrbuch der Lyrik". Die Jubiläumsausgabe enttäuscht beinahe auf der ganzen Linie. Daß Herausgeber und Begründer des Jahrbuches, Christoph Buchwald, den Kontakt zur und das Wissen um die deutschsprachige Lyrik verloren hat, seit er in Amsterdam lebt, ist vorstellbar. Und daß seine Mitherausgeberin, Nora Gomringer, als ursprüngliche Slam-Meisterin, ihren Vorlieben frönt, verwundert ebenso wenig. Daß aber in hohem Maße Verwechselbarkeit, Pointenarmut und Inhaltsleere dominieren, verblüfft dann doch. Präsentiert werden 124 Autorinnen und Autoren. Das Altersspektrum reicht vom Geburtsjahr 1925 bis hin zu 1994 und staffelt sich wie folgt. Aus dem 1920er Jahrzehnt - 1 Dichterin, 1930er - 5, 1940er - 9, 1950er - 18, 1960er - 38, 1970er - 31, 1980er - 18 und 1990er - 4. Davon konnten 57 als weiblich und 65 als männlich identifiziert werden, ganz zeitgemäß treten 2 als zwitterhaftes Neutrum auf. Die lesbarsten Gedichte finden sich dort, wo lebende oder verstorbene Dichterkollegen besungen werden. "In memoriam" heißt es auf Seite fünf, gedacht wird der Toten Dichter Jean Krier und Rolf Haufs. Weshalb aber erinnern die Herausgeber nicht auch an Sarah Kirsch und Elisabeth Borchers oder an Werner Laubscher und Helga M. Novak, die im selben Zeitraum verstummten. Ignorante Gedanken- oder arrogante Pietätlosigkeit? Wes Geistes Kind die Herausgeber sind zeigen sie mit einem "Gedicht" Ulrich Holbeins, das den Hauptteil des "Jahrbuches" beschließt, somit als Quintessenz dieses Jahrgangs und als ein Kredo gelesen werden kann. Holbein, 1953 in Erfurt geboren, aufgewachsen in Kaiserslautern und Kassel, verkrachte Schriftstellerexistenz par excellence, zieht mit seinem "Gedicht" die, wie er sie nennt, "Reimlyriker" durch den Kakao, wobei in unangenehmer Weise Diffamierung vor Belustigung rangiert. Gryphius, Liliencron und Hoddis, Rilke, Rühmkorf, Gernhardt, Huchel, Söllner und Grünbein bekommen ihr Fett weg und werden zusammen mit "dem frühen Adolf Hitler" zu einem Brei verquirlt. Allein fünfmal wird über Wulf Kirsten hergezogen, was schon allein deshalb unstimmig ist, weil Kirsten kaum Reime verwendet. Wenn die Herausgeber ihre Anthologie mit solch einem Text krönen, diskreditieren sie nicht nur alle von ihnen ausgewählten Lyriker, sondern auch ihre eigene Arbeit. Plötzlich wird vorstellbar, wie eine rasch um sich greifende Respektlosigkeit, die jeglicher Ethik und Moral entbehrt, im "täglichen Faschismus" (Reinhard Lettau) münden kann. Dann hätte also das vom Suhrkamp Verlag für Marcel Beyer erfundene Verdikt vom "monolithischen, fanatischen, faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie" doch seine Berechtigung? Und noch eine Frage: Haben wir eine Lyrikschwemme? Wenn ja, erfreut diese den leidenschaftlichen Leser weniger, als den leidenschaftlichen Pilzsammler eine Pilzschwemme freut.(Erschienen in: "SIGNUM - Blätter für Literatur und Kritik", 17. Jahrgang, Heft 1, Winter 2016)





