Kritiken

Seit 1991 erschienen über 600 Kritiken zu Buchneuerscheinungen, obwohl der Kritiker selbst im Glashaus sitzt. Diese Texte sind gemeinhin von geringer Haltbarkeit und gehen zumeist verloren, was oft gut so, mitunter aber auch bedauerlich ist. Anlaß, in Kritiken der letzten 20 Jahre zurückzublättern.  

„Mörderische Ironie“ einer Einladung
Wie Heinrich Böll den Prager Frühling erlebte

Fünfzig Jahre ist es her, daß Truppen des Warschauer Pakts unter Führung der sowjetischen Armee in der Tschechoslowakei eine Hoffnung niederwalzten, die als „Prager Frühling“ in die Geschichte einging. Unter den zahlreichen Jubiläumspublikationen berührt die von Heinrich Böll vielleicht am meisten. Trotz gesundheitlicher Probleme reist er mit Frau Annemarie und dem damals zwanzigjährigen Sohn René am 20. August 1968 nach Prag. Eingeladen vom tschechoslowakischen Schriftstellerverband soll der Besuch dem bekannten West-Schriftsteller ermöglichen, sich vor Ort vom „würdigen Verlauf unseres Erneuerungsprozesses“ zu überzeugen. Später kommentiert Böll: „Rückwärts betrachtet wirkt nun der Text dieser Einladung wie mörderische Ironie.“ Am frühen Morgen nach seiner Anreise klopft es an der Hotelzimmertür und eine Stimme ruft: „Wir sind besetzt“. Während Böll noch überlegt, was der Zuruf bedeuten könnte, ob vielleicht jemand eine Verabredung absagen will, hört er von der Straße erste Schüsse. Blitzartig wird ihm klar, daß die ČSSR militärisch besetzt worden ist und daß „Europa ... keinen Frieden hat“, daß es „im Zustand unterschiedlicher Waffenstillstände“ lebt. Bis zur Abreise am 25. August führt Böll zwar einige Gespräche mit Kollegen, seine Hauptbeschäftigung aber ist es, durch Prag zu laufen, zumeist begleitet von René. Was sie sehen, wird vom Vater notiert, vom Sohn fotografiert. Es ist die „dritte Kraft“, die am meisten fasziniert, der unbewaffnete Widerstand „voller Leidenschaft ... und Phantasie … einzigartig in Europa, einmalig in der Geschichte“. Nach seiner Rückkehr wird Böll sagen, daß der Versuch, einen „demokratischen Sozialismus“ mit „Impulsen der regierenden Partei“ zu etablieren, nicht nur hätte eine Hoffnung für Osteuropa werden können, sondern auch für die westeuropäische Linke, für Südamerika, ja womöglich als „Dritter Weg“ für die ganze Welt.

Das Buch vereint die wichtigsten Texte Bölls zum Thema. Spannend sind seine faksimilierten Aufzeichnungen, „49 Seiten, herausgelöst aus einem Vokabelheft“. Gleich auf den unteren Hälften der Seiten finden sich die entsprechenden Transkriptionen. Diesen Teil ergänzen ausführliche Anmerkungen, die nicht nur Wort- und Namenserläuterungen bieten, sondern auch wichtige Zusammenhänge darstellen. Es folgen die zwei Böll-Texte „Ein Brief aus Prag“ und „Der Panzer zielte auf Kafka“, der sich aus dem speist, was der Autor in Prag notiert hat. Den Abschluß bilden fünf Interviews, die Böll unmittelbar nach seiner Rückkehr u.a. ZEIT, Spiegel und Bayrischem Rundfunk gegeben hat. Hinzu kommen je ein Essay zur 1968er europäischen Situation und zu Bedeutung sowie Wirkung von Büchern und Person Heinrich Bölls. Abgerundet wird die Edition durch ein sehr persönliches Vorwort des Herausgebers René Böll und zahlreicher Fotos, die während des Aufenthalts in Prag entstanden sind.
(Zuerst erschienen: SAX 11/2018)

Tierschau eines Lyrikers
Neue Gedichte von Jan Wagner


Wurden vor vier Jahren noch beispielhaft Giersch, Melde und Morchel bedichtet, sind es jetzt Tang, Rettich und Weißkohl. Warum ein Verkaufsrisiko eingehen, wenn nach einem Erfolgsrezept gekocht werden kann? Das muß sich der Lyriker Jan Wagner, 1971 in Hamburg geboren, gesagt haben, als er daran ging, einen neuen Gedichtband zu bauen. Denn was jetzt vorliegt, liest sich wie die Fortsetzung seiner „Regentonnenvariationen“, die 2014 erschienen und ein Jahr darauf den Preis der Leipziger Buchmesse gewannen. Wie gewohnt, unternimmt Wagner den Versuch, in allerlei Alltäglichkeiten etwas Besonderes hineinzudichten. Dabei spielen Menschen eine untergeordnete Rolle. Auf der Besetzungsliste finden sich alter Biker und fetter Onkel, Kapitäne und Chevaliers, Jona, Goliath und der Maulwurfstöter, Tante Trudel, Opa in der Lederhose, „ein Mann, der im Loch verschwand“ und ein Ich, das in einen Glastisch stürzt. Das aus neunundfünfzig Gedichten bestehende Buch wird von einer überbordenden Menagerie dominiert. Allein durch fünfzig Gedichte kreucht und fleucht diverses Getier. Ist diese auffallende Verschiebung vom Humanistischen hin zum Animalischen vielleicht die Fluchtbewegung eines hoch dekorierten Dichters, um den Menschen nicht zu nahe und in diverse Fettnäpfe zu treten? Als ginge es ihm vor allem darum, stromlinienförmig zu bleiben, nur nicht anzuecken, sich für jede Eventualität offen zu halten. Neben der dargebotenen Mühe, aus alltäglichen Beobachtungen ein Quentchen Schönheit zu sintern, findet sich in den Wagner-Gedichten kein Vers, der in die Mitte der Gesellschaft zielt. Statt dessen fällt im Zusammenhang mit einem Parkhaus-Gedicht der unsensible Umgang mit dem Wort „Rampe“ auf, wobei Wagner vermutlich keinen Zusammenhang zum Ort der Selektion in den Vernichtungslagern des Dritten Reichs mitdenkt. Immerhin erhielt Wagner im Jahr 2017 den Büchner-Preis, die höchste literarische Auszeichnung dieses Landes. Ganz im Gegensatz zu Jan Wagner war Georg Büchner ein politisch kritischer Autor. Aber eine sinnstiftende Wechselwirkung zwischen dem Wirken eines Preisträgers und dem Werk des Preisnamensgebers ist längst nicht mehr gegeben. Auch das Formale in der Abfolge von Versen und Strophen läßt den Leser nicht selten ratlos zurück. Vierundfünfzigmal frönt Jan Wagner der Marotte eines besonderen Zeilenumbruchs, dem so genannten „morphologischen Enjambement“, wobei eine Worttrennung am Ende der Zeile vorgenommen wird. Dabei kommt es zu merkwürdig sinnentleerten Konstruktionen wie „lände-/reien“, „befleckt-/em“ und „tankla-/ster“. Wie sich Jan Wagner von der Welt kaum bewegen läßt, ist seine Schmetterlingsschau nicht weltbewegend. Trotzdem werden Großkritiker, Literaturpreisjuroren und Akademiemitglieder sein neues Buch lieben. Denn ein Büchnerpreisträger wird üblicherweise nicht als „dichtende Luftnummer“ porträtiert, wie Fritz J. Raddatz noch 2012 Durs Grünbein abgefertigt hat.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 15./16.12.2018)

Der Surrealismus lebt
Wiederentdeckung eines tschechischen Dichters im englischen Exil


Lange galt der Autor als verschollen, wurde in seinem Muttersprachenland totgeschwiegen und war deshalb den meisten Lesern Jahrzehnte unbekannt. Die Rede ist von Ivan Blatný, 1919 in Brünn geboren, 1990 in England verstorben. Schon mit Siebzehn galt er als große Begabung, gehörte bald einer surrealistischen Gruppierung an, wurde vom großen tschechischen Dichter Vitězslav Nezval gefördert und publizierte bis 1947 neben Kinderbüchern vier Gedichtbände. Weil er in seinem Land nicht mehr frei leben könne, wie er verlauten ließ, emigrierte er 1948 nach England. Dort verbringt Blatný als freiwilliger Patient achtunddreißig Jahre in diversen Anstalten und Kliniken, während der Dichter Blatný allmählich ins Schweigen und Vergessenwerden sinkt. Nach einer Pause von zwanzig Jahren schreibt er weiter, geradezu besessen, beinahe täglich, auch auf Klopapier. Anfangs wird die „Kritzelei“ entsorgt, bis eine mit der Tschechoslowakei verbundene Engländerin auf Blatný aufmerksam wird, alles Geschriebene sammelt, die Zettel einem tschechischen Exilverlag im kanadischen Toronto schickt, wo 1979 der Band „Alte Wohnsitze“ erscheint. Obwohl 1981 eine Stern-Reportage in der Serie „Die verbannten Dichter“ Blatný zu einer Art „Comeback“ verhilft, folgt erst 1987 die Sammlung „Hilfsschule Bixley“, die nun erstmals in einer vorzüglichen deutschen Ausgabe erscheint. Aus einem in Prag erschienenen Konvolut von sage und schreibe 427 Gedichten, wählten die Herausgeber, Übersetzer und Nachdichter Annette Simon und Jan Faktor 162 Gedichte aus. Gemäß Blatnýs Devise: „Alles, was mir einfällt, hat Sinn, aufgeschrieben zu werden, alles ist wichtig, alles ist erlaubt“, sind die Texte voller Experimentierlust, anspielungsreich und, was die Sache keineswegs einfacher macht, gespickt mit Passagen in englischer und französischer Sprache, wobei diese beim Nachdichten nicht angerührt wurden, so daß sich der Leser mit einem linguistischen Gemenge konfrontiert sieht. Nachwort und umfangreiche Anmerkungen von Simon/Faktor erhellen nicht nur die Genesis dieses Buches, sondern auch kunstvolle Details des Nachdichtens. Wer sich in den Blatný - Kosmos einliest, wird etlicher Sternschnuppen gewahr und wer Faktors lyrische Texte kennt, ahnt, was ihm der tschechische Surrealismus bedeutet. Einmal überwiegt die poetische Stimme und es „wälzt die Sonne einen goldenen Kürbis bis an die weite Kante“ oder „der Abend düstert taumelig herein“. Dann wieder knallen Stabreime mit „Frühfraß frisst Steuermaß nur mäßig“ oder es wird verspielt gereimt: „Wacht süß auf ich will nicht streiten/sag ich zu meinen Schwierigkeiten“. Auch fehlt es nicht an politischen und poetologischen Auskünften: „inzwischen weiß ich was für ein Vergnügen es ist unverständlich zu sein“ und „Es ist unerträglich ein kleiner Dichter zu bleiben“. Schließlich dürfen diese vier Verse nicht fehlen: „Never mind, sun ist out und die Bienenstöcke fahren zum Haff/der Dichter ist überglücklich, studiert die Welt und pafft/Er hat Lust auf was anderes, will es aber nicht sagen/ihm reicht ein Blatt Papier und ein Tabakladen“. Dieses Jahr wurde Jan Faktor für seine eigenen Texte in Hamburg mit dem Italo-Svevo-Preis geehrt. Unbedingt preiswürdig sind auch seine und Annette Simons gemeinsamen Nachdichtungen.
(Zuerst erschienen: SAX 08/2018)

Als Wittenhagen zum Nabel der Welt wurde
Der Überraschungsroman dieses Herbstes findet sich auf keiner Bestenliste

Seine Leser haben lange auf einen neuen Roman von ihm warten müssen. Dreiunddreißig Jahre. Diese beachtliche Kunstpause legte Günter de Bruyn ein. Dabei hat er nie auf der faulen Haut gelegen. Vor allem seine zweibändige Autobiographie, „Zwischenbilanz“ (1992) und „Vierzig Jahre“ (1996), fand viel Aufmerksamkeit. Hinzu kamen etliche Texte, zum Teil ausgewachsene Monographien, über Autoren wie Zacharias Werner und Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen, sowie Bücher über Brandenburgs Landschaft und Preußens Adel. Aber die meisten Lesern kennen de Bruyn als Autor von Romanen wie „Buridans Esel“ und „Preisverleihung“ sowie der brillanten Erzählung „Märkische Forschungen“, von der DEFA prominent verfilmt mit Kurt Böwe und Hermann Beyer. Günter de Bruyn, 1926 in Berlin geboren, gelernter Bibliothekar, gehörte zwar in der DDR mit Ämtern in Schriftstellerverband und P.E.N.-Zentrum zur führenden Schriftstellerriege, trat aber selten ins politische Schlaglicht. Sein vor dreiunddreißig Jahren erschienener bislang letzter Roman „Neue Herrlichkeit“ war in der DDR nicht gelitten. Kritiker schrieben von „düsterer Wirklichkeitssicht“ und von „Moral und Menschlichkeit“, die „in der Kälte“ erfrieren. Die harsche Ablehnung, wenn auch ideologisch, nicht stilistisch begründet, hat den Autor vermutlich bewogen, sich in den „Märkischen Dichtergarten“ zurück zu ziehen, in eine Buchreihe, die er alternierend mit Gerhard Wolf herausgab, und seinen Wohnsitz in Görsdorf-Blabber.

Nach vielerlei Ehrungen, u.a. Großes Bundesverdienstkreuz, Deutscher Nationalpreis, Verdienstorden des Landes Brandenburg, taucht Günter de Bruyn zwei Jahre nach seinem neunzigsten Geburtstag wieder als Romanautor auf. „Ein ländliches Idyll“ heißt es im Untertitel. Doch das Idyll ist trügerisch. Die mit leichter Hand erzählte Geschichte hat es in sich, auch, weil anhand einer Familie deutsche Geschichte gespiegelt wird. Bis zur Enteignung 1945 waren die Leydenfrosts in drei Generationen Gutsbesitzer zu Wittenhagen im südöstlichen Brandenburg. Vater Leydenfrost setzt sich mit Tochter Hedwig in den Westen ab. Nach steiler Parteikarriere gibt Hedwig alle Posten auf, bringt zwei Abtreibungen hinter sich, studiert Medizin, wird Kinderärztin, nimmt Fatima als Pflegetochter zu sich. Sohn Leonhardt, ein Jahr und zwei Monate jünger als Hedwig, zieht dagegen in den Osten Berlins, arbeitet dort als Bibliothekar, hat Ambitionen zur Schriftstellerei, heiratet seine Jugendliebe, die ihm drei Kinder schenkt. Mit der politischen Wende von 1989/90 kehren die inzwischen partnerlosen Geschwister nach Wittenhagen zurück und bewohnen gemeinsam das Familienhaus, „die Villa, wie die Dorfleute es nannten“. Im Jahr 2015 sitzen sie dort in kleiner Runde zusammen, um den bevorstehenden neunzigsten Geburtstag von Hedwig zu planen, die daran wenig Interesse hat. Dabei schleichen sich alle nur denkbaren Befindlichkeiten an. Erinnerungen an weitläufige Familienmitglieder oder unliebsame Bekanntschaften werden wach. Wer aber denkt, daß es wegen des hohen Autorenalters um nichts als wehmütige Rückbesinnung geht, irrt gewaltig. Dieser Roman ist ganz und gar heutig. Weil die Jubilarin keine Geschenke wünscht, wird um Spenden für die Gründung eines Flüchtlingsvereins gebeten. Die ehemaligen Reithalle soll als Flüchtlingsunterkunft ausgebaut werden, in der Landeshauptstadt Potsdam bildet man ein Komitee „Herzlich willkommen!“ und eine Politikerin behauptet, Kreuze auf Friedhöfen grenzen „Mitbürger muslimischen Glaubens“ aus. Das erhitzt die Gemüter. Plötzlich wird Wittenhagen nicht nur in Leonhardts Kopf zum Nabel der Welt. Wie der Leydenfrostsproß als Feingeist die erzählerischen Fäden zusammenhält, wie er in Gesprächen mit Tochter, Enkel, Pastorin oder Journalisten Themen von Sprachverhunzung über Gender bis Flüchtlingskrise anreißt und wie sich Hedwig der Feier ihres Geburtstages schließlich doch entzieht, das ist ungemein lesenswert. Dreiunddreißig Jahre haben Leser auf einen neuen Roman von Günter de Bruyn warten müssen. Das Warten hat sich gelohnt.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 06./07.10.2018)

Meister leiser Töne
Neue Gedichte von Reiner Kunze


Reiner Kunze hält es mit der Farbe Blau. Schon 1968 widmete er dem Dichterkollegen Stephan Hermlin „fast ein frühlingsgedicht“ und prophezeit, daß „der brief mit dem blauen siegel“ kommen wird, „dessen text heißt: Nichts währt ewig“. Das ließ an die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ denken, für Reiner Kunze eine herbe Enttäuschung, war doch die damalige Tschechoslowakei für ihn doppelte Herzensangelegenheit; einerseits ist er mit einer in Mähren geborenen Zahnmedizinerin verheiratet, andererseits ein begnadeter Nachdichter aus dem Tschechischen. 1970 schrieb er „für Elisabeth“, seiner Frau, in unverwechselbarer Manier das schöne Vierzeilengedicht „auf dich im blauen mantel“, in dem er die Häuserzeile liest und nach dem Mantel sucht, dem blauen „komma das sinn gibt“. Zehn Jahren nach dem letzten Gedichtband „lindennacht“ krönt der am 16. August in Oelsnitz/Erzgebirge geborene Dichter seinen 85. Geburtstag jetzt mit einem schmalen Buch. Einband nachtblau. Lesebändchen ultramarinblau. Vorsatzpapier pastellblau. Zweiundvierzig neue Gedichte, entstanden zwischen 2002 und 2017, sind unterteilt in fünf Themenkomplexe: Jahreszeiten, Unterwegssein, Dichterleben, Schöpfung, Alter. Der schon immer von Reiner Kunze angestrebte Minimalismus fällt zuerst auf. Kein Gramm Speck zu viel drückt die Verse in die Niederungen der Geschwätzigkeit. Bei der angestrebten, nahezu zwanghaften Einfachheit treten Doppelaussagen umso deutlicher zutage, die womöglich jenes Zuviel bedeuten, was der Dichter eigentlich vermeiden möchte. Da gibt es die „dornenlose weißdornhecke“ und das „kreuz mit dem gekreuzigten“ oder es „versengt die sonne die sonnen des hortensienhimmels“. Dabei fragt sich der Leser, ob das gewollt oder gar gekonnt ist, wissend, daß diesem Dichter nichts ungewollt unterläuft. Ebensowenig zufällig ist die Verwendung des Reims. Auch hier dominiert Schlichtheit. „In meines tauben ohres innenwelt/läutet in der ferne mir ein kirchlein,/das sich an keine uhrzeit hält“. Das sind Verse, die auch dann nicht zu retten sind, wenn sie unter der Überschrift „Zerfall“ stehen und Respekt verdient hätten, weil sie vom Lebensende sprechen. Da sind die Reisegedichte und jene, die auf das Handwerk des Dichtens gemünzt sind, von anderem Kaliber. Vor allem die Gedichte auf Czernowitz, Hauptstadt der Bukowina, heute der Ukraine zugehörig, Geburtsort einer Vielzahl bekannter Lyriker, darunter Paul Celan und Rose Ausländer, zeugen von zorniger Trauer über einen unwiederbringlichen Kulturverlust. Wie sehr sich Reiner Kunze um den Erhalt der Muttersprachen sorgt, zeigt die im Buchanhang beigefügte Rede, die er 2013 vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments gehalten hat. Während er sich in seinen Gedichten als Meister leiser Töne feiert, wird er als Redner beinahe kämpferisch: „Die Muttersprache zugunsten einer Lingua franca zu degradieren bedeutet, sich an der Menschheit zu vergehen.“ Diese Entschiedenheit hätte auch einige der Gedichte aufwerten können.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 15./16.09.2018)

Wurzen als Weltnabel
Autobiographisches von Bernd Wagner


Eigentlich ist es eine Anhäufung anekdotischer Erinnerungen und kein Roman. Bernd Wagner, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, begann mit Erzählungen und Gedichten, die ab 1976 auf Empfehlung von Sarah Kirsch im Berliner Aufbau Verlag erschienen, bis er 1985 von Ost- nach West-Berlin zog. Neben diversen Publikationen, auch für Funk und Fernsehen, sorgte das Buch „Berlin für Arme, Ein Stadtführer für Lebenskünstler“ 2008 für einiges Aufsehen. Was Frohburg für Guntram Vesper, ist Wurzen für Bernd Wagner. Ein Anruf von Schwester Christa zwingt den Autor, aus der Hauptstadt in die alte Heimat zu fahren. Mutter „Muttsch“ liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Der Erzähler, der im Buch Max heißt, quartiert sich im alten Familienhaus ein, der stadtbekannten Schmiede „Hufbeschlag & Wagenbau“. Dort sitzt er zwischen Krankenhausbesuchen an der Schreibmaschine und aus anfänglichem Zeitvertreib wird Arbeit. Denn Muttsch hat ihn „damit beauftragt … Geschichten über unser Haus“ und die „hochwohllöbliche Familie“ aufzuschreiben und ihr vorzulesen. Also versucht er, „etwas ins Leben zurückzurufen“, das „verschwinden wird“. Chronologisch treibt Wagner die Erinnerungen von seiner Geburt bis zum Tod der Mutter und dem Muldehochwasser von 2002 voran, unterbrochen nur durch gegenwärtige Begegnungen mit Verwandten, Freunden und Geliebten. Was an kleinstädtischem Ambiente früher DDR-Jahre denkbar ist und auf dem Weg vom Kind zum Mann bedeutsam scheint, findet sich im Buch. Der Weg zum Friedhof an der Hand des Großvaters. Sonntags-„Landgänge“ mit dem Vater über die Dörfer entlang der Mulde. Die Fahrten mit der Kleinbahn nach Trebsen in den Geburtsort der Mutter. Stalinzeit und sowjetische Besatzer, Arbeiteraufstand Juni 1953, Friedensfahrt, Mauerbau 1961, „Söhne der großen Bärin“, Berliner Deutschlandtreffen 1964, Schulzeit, Prager Frühling, erste Liebe. Gelegentlich richten sich die Sehnsüchte auf diverse Tanzsäle im Umland, zum Bruder nach Dresden, später gen Leipzig und Berlin. Es finden sich detailreiche, sehr unterhaltsame Episoden, die so oder ähnlich durchaus auch in anderen Regionen beheimatet sein könnten. Ein wenig spezieller wird es dann, wenn Wurzen als „Stadt der hundert Kneipen“, als Heimstatt der Literatur mit Lichtwer und Ringelnatz sowie als Herstellungsort von „Wurzner Extra“ und „Engerlingen“ gewürdigt wird. Als ganz besondere Eigenheit aber bleiben am Ende die sächsischen Begriffe. Da gibt es Katscher, Hitsche, Dresche und Gusche, es wird herzerfrischend geillert, gemaust, geditscht und geseecht. Umso bedauerlicher, daß die Dialektwörter von Wagner nicht selbstbewußt genutzt werden, diese sich statt dessen verschämt in Anführungszeichen und Klammer neben den hochdeutschen Begriffen finden. In einem Miniaturexkurs zur sächsischen „Mund- und Maulart“ produziert der Autor einen Widerspruch an sich, wenn er schreibt, daß das Sächsische „jede Lebensäußerung auf das unterste Niveau herabzieht“. Daß es anders geht, beweist Bernd Wagner mit seinen Erinnerungen auf das Trefflichste. Und Dumpfbacken gibt es überall.
(Zuerst erschienen: SAX 06/2018)

„Der Nobelpreis für Literatur ist keine Garantie“
Ein handliches Schriftstellerlexikon der besonderen Art

Hans Magnus Enzensberger, 1929 in Kaufbeuren geboren, war gerade dreißig Jahre alt, als 1960 das von ihm eingerichtete „Museum der modernen Poesie“ erschien, eine Lyrik-Anthologie, die binnen Kurzem zum Klassiker wurde. Dabei gerieten die beigefügten Angaben zu den Dichtern zur schönsten Nebensache dieses „Museums“, lasen sie sich doch wie kostbare biographische Miniaturen. Jetzt, da der unermüdlich produzierende Autor auf dem Sprung ins methusalemische Alter ist, kommt er auf das biografische Prinzip zurück. In „99 literarischen Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“, so der Untertitel, skizziert er Leben und Werk „von Schriftstellern, die Staatsterror und Säuberungen überlebt haben“. Die Grundlagen seiner Herangehensweise sind ebenso einfach wie einleuchtend. Ordnungsprinzip ist die Chronologie der Geburtsjahre. Es wird „kein Romanführer geliefert“. Das Vorhaben bedarf der Ich-Form und der Subjektivität. „Vorliebe und Ekel, Bewunderung und Abneigung“ fließen in die Darstellung ein. „Die Literatur ist keine Olympiade, und einen Medaillenspiegel gibt es nicht ... Der Nobelpreis für Literatur wird zwar erwähnt, ist aber keine Garantie“. Autorenfotos leiten die Porträts ein, natürlich in Form von Vignetten. Entstanden sind wunderbare Texte über berühmte, unbekannte und vergessene Autoren. Es beginnt mit dem Norweger Knut Hamsun. Schon hier legt Enzensberger ein „kleines, banales Geständnis“ ab. Durch Ersteigerung hat er sich in den Besitz einer Postkarte aus dem Jahr 1929 gebracht, auf der Hamsun dem deutschen Erzähler Bernhard Kellermann für dessen Bewunderung dankt. Nicht unerwähnt bleibt, daß Hamsun am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs in der größten norwegischen Zeitung einen Nachruf auf Hitler platzierte. Aber auch für Hamsun gilt, was Enzensberger für alle Nachfolgenden zur Regel erhebt: „Moralische Urteile stehen einem Nachgeborenen, der die Situationen und Prüfungen nicht bestehen mußte … nicht zu.“ Also ist Zurückhaltung angesagt, wird versucht, „fair zu sein“, ohne in Neutralität zu erstarren. Wohltuend überwiegen kleine Florettstiche. Der Holzhammer des Großinquisitors kommt nicht zum Einsatz. Von Gerhart Hauptmann heißt es, daß „seine Vorlieben wunderlich“ waren und ihn „das Goethe-Syndrom ereilte“. Vom Italiener Gabriele D'Annunzio ist zu erfahren, daß er „ursprünglich Francesco Rapagnetta ('kleine Rübe') geheißen hatte“ und seine Kunst in „seinen Posen, seinem Kitsch und seinen Allüren“ bestand. Kennen heutige Leser noch Alexander von Gleichen-Rußwurm, P.G.Wodehouse, Lu Xun, Gustav Regler oder Hans Baumann? Letzterer war als Dichter im „Liederbuch der Bundeswehr“, von Franz Josef Strauß „Quell der Freude“ genannt, prominent vertreten, und jeder Wehrmachts-Landser dürfte nach dem Baumann-Hit „Es zittern die morschen Knochen“ gen Untergang marschiert sein.
Neben Russen, Nord- und Süd-Amerikanern, West- und Ost-Europäern, gibt es von frühen DDR-Exemplaren vergleichsweise wenig zu berichten. „Er wäre ja so gern ein Dichter geworden, doch das hat nie richtig geklappt“: Johannes R. Becher. „Er war jemand, der zu bewundern und zu vermeiden war“: Bertolt Brecht. „Im Kommunismus fand sie, was sie suchte: eine atheistische Religion“: Anna Seghers. „Ich bin ihm nicht nur in Moskau und Budapest begegnet … Er war versiert, sprach fließend Französisch, trug gute Anzüge und besaß einen roten Sportwagen“: Stephan Hermlin. „Einmal traf ich ihn in New York an einer Tafel, wo ich einen Toast auf ihn ausbrachte, indem ich ihn seinen Bewunderern als den 'führenden Sado-Marxisten' ans Herz legte“: Heiner Müller. 
Germanistisch überfrachtete Besserwisserei, die jegliche Leselust zumeist gründlich verdirbt, kommt hier nicht vor. Diese von einem Vielleser geschriebenen „Vignetten“ entfachen eine unbändige Neugier auf die Welt der Bücher. Es darf behauptet werden, selten wurde so kenntnisreich und einfühlend über Schriftsteller geschrieben, wie in diesem Fall.

(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 18.05.2018)


Das Buch „rockt“ nicht
Romanversuch über John Lennon


Kaum ein Detail, das über John Lennon nicht längst bekannt wäre. Wer die großen Interviews mit ihm gelesen hat, weiß Bescheid. Im Grunde genügen zwei, um mitreden zu können. Das erste führte Jann S. Wenner mit Lennon im Dezember 1970 für den US-amerikanischen „Rolling Stone“, das 2000 als Buch erschien. Das zweite, geführt Dezember 1980 von Andy Peebles für „BBC Radio One“, gab es bereits 1981 in Buchform. Auch der zum Bestsellerautor ausgerufene Franzose David Foenkinos, geboren 1974, dürfte die Interviews gelesen haben. In achtzehn Sitzungen, die „zwischen dem 21. September 1975 und dem 7. Dezember 1980“ bei einem Psychoanalytiker im New Yorker „Dakota“-Haus stattgefunden haben sollen, läßt Foenkinos John Lennon, einst führender Kopf der Beatles, seine problematische Biographie von der Seele reden. Alles bekannt: Liverpooler Scheidungskind, früher Tod von Mutter Julia, Tante Mimi, Begegnung mit Paul McCartney, Gründung der Beatles, Beatlemania, Ehe mit Cynthia, Sohn Julian, Ehe mit Yoko Ono, Trennung der Beatles, Solokarriere, Sohn Sean und so weiter. Das Buch von Foenkinos, als Monolog angelegt, will den Originalton von Lennon treffen. Das geht schief. Ob das am französischen Original oder an der Übersetzung von Christian Kolb liegt, ist schwer einzuschätzen. Daß John Lennon ein egomanischer Macho und sich seines Starruhms jederzeit bewußt war, ist nichts Neues. Auskünfte wie „Ich bin so berühmt, dass mein Leben zum Allgemeingut gehört“ und „Ich war ein Genie, das war früh klar“ oder „Ich habe ein bisschen aufgehört zu existieren, indem ich zur Ikone geworden bin“ sind vorstellbar. Daß Lennon aber zum Teil wie ein Idiot von heute geklungen haben soll, darf zumindest angezweifelt werden: „Die Neun spielt voll die entscheidende Rolle“, „Ich war voll der Lewis-Caroll-Fan“, „Wir sind voll auf dieses Teil abgefahren“, „Voll der Liebesbeweis“, „Voll die interreligiöse Feier“. Nachdenkliche oder gar melancholische Passagen haben es dagegen schwer. Von großer Seltenheit ist eine versöhnliche Gelassenheit, wenn Lennon über sein späteres Verhältnis zum einstigen Freund McCartney sagt, „wir wandeln gemeinsam auf der Asche unseres Ruhms, ohne uns dabei die Füße zu verkohlen“. An einer Stelle heißt es „die Brille rockt nicht“. Das trifft leider auch auf dieses Buch zu. Wie Foenkinos' Bücher „Nathalie“, prominent verfilmt mit Audrey Tautou, und „Charlotte“ wird sich auch dieses gut verkaufen, nicht aber weil Foenkinos, sondern weil „Lennon“ draufsteht.
(Zuerst erschienen: SAX 05/2018)

In der Zwangsjacke des Humors
Ingo Schulze überhebt sich mit einem Schelmenroman

Wenn der Rezensent auf Seite 261 zu lesen bekommt, daß ein Dresden-Besucher im Dezember 1989 vom Zwinger zum Altmarkt gelangte, indem er „der roten Leuchtschrift 'Der Sozialismus siegt!'“ folgte, verspürt er merklich weniger Lust auf die noch vor ihm liegenden 313 Seiten. Die Unlust steigert sich, weil nur drei Seiten später dieselbe Person sich wiederholend behauptet, vom Kulturpalast aus „die Leuchtschrift 'Der Sozialismus siegt!'“ zu sehen. Aber der „Sozialismus“ wurde in Dresden bereits 1987 abgebaut. Das hätte ein in Dresden geborener Autor wissen können. Und Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Prompt stehen Leser und Rezensent dem jüngsten Schulze-Buch mißtrauisch gegenüber. Was ist wahr, was erstunken und erlogen? Immerhin steht schon einmal fest, daß Dresden vorkommt. Aber vielleicht kommt es darauf gar nicht an, denn es soll ein „Schelmenroman“ sein, wie Autor Schulze im Dank ausdrücklich vermerkt. Dieses Genre bietet die Möglichkeit, nichts ernst nehmen zu müssen, am allerwenigsten den Autor und seinen schelmischen Protagonisten. Schulzes Peter Holtz wird 1962 in „Gradow an der Elbe geboren“, wächst im „Kinderheim Käthe-Kollwitz“ auf, von wo er ausbüxt und fortan bei Pflegeeltern wohnt. Was folgt ist ein Lebensweg, der nahezu alle Stereotype einer über das Ende der DDR hinwegweisenden Biographie bedient. Holtz will eine Lehre zum Baufacharbeiter abbrechen, um Berufssoldat zu werden. Er mimt den überzeugten Kommunisten, weil Pawel Kortschagin sein Vorbild ist. Als er Arbeiterlieder grölt, erfindet er nebenbei den DDR-Punk, wird von der Staatssicherheit angeworben, die aber nichts mit ihm anfangen kann, weil er jeden über seine Mitarbeit informiert. Dann läßt er sich taufen und tritt der CDU bei. „Erst der Glaube an Christus macht den Kommunisten zu einer runden Persönlichkeit“, begründet er seinen Schritt und betet: „Vater unser … verleihe mir Kraft, den besten Weg zu einem Sozialismus zu finden“, was unzweifelhaft an das „Große Gebet“ von Wolf Biermanns Oma Meume denken läßt, die schon 1967 stöhnte: „O Gott, laß Du den Kommunismus siegen!“ Als die Mauer fällt, liegt der Held im Koma, was an „Good Bye, Lenin!“ erinnert. Da die DDR nicht mehr existiert, wird resümiert: „Unsere Hoffnung war wie eine Falle“, was nach einem Vers von Volker Braun klingt: „Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.“ Politiker wie zum Beispiel Diepgen, Modrow, Kohl, Rühe kommen namentlich vor, Lothar de Maizière verwandelt sich in Joachim Lefèvre. Weil Holtz in den letzten Sozialismus-Jahren ungeliebte, baufällige Immobilien erwirbt, vergolden sich diese im Kapitalismus. Am Ende besitzt er „12 Mietshäuser, eine Villa und zwei Buden in Mitte“ und wird zum Multimillionär. Zwar kauft er sich einen Porsche, finanziert Bordell und Kunstgalerie, reist in den Süden Frankreichs, aber er weiß mit der Masse des Geldes nichts anzufangen. Obwohl er einen Teil seines Vermögens verschenkt, bleibt ihm immer noch genug, um Tausender Scheine auf dem Alexanderplatz zu verbrennen und den „Kreislauf der stetigen und sinnlosen Geldvermehrung endlich zu durchbrechen“.

Das Alles ist sehr bemüht. Lesefreude kommt selten auf. Der Autor steckt in der Zwangsjacke eines unbedingten Humors, der in seiner Simplifizierung albern wirk. Das Zickzack der Geschichte ist vorhersehbar und ermüdend. Und langatmige Erklärungen zu Kapitalismus, Kapitalvermehrung und Geldvernichtung  vermochte ein Karl Marx bessere abzugeben. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“
(Zuerst erschienen: SAX 03/2018)

Aufs falsche Pferd gesetzt
Bestsellerautor Hans Pleschinski versucht sich an einem biografischen Roman über Gerhart Hauptmann

Einen Roman mit Dresden zu beginnen, ist für Dresdner Leser immer eine gute Wahl. Wenn dabei auch noch vom schicksalhaften Februar 1945 ausgegangen und vom letzten Lebensjahr des Großschriftstellers Gerhart Hauptmann erzählt wird, der zum Weinen schöne Worte über Dresdens Untergang fand, umso besser. Das Ambiente mit Mordgrundbrücke, Schloß Albrechtsberg und Bahnhof Neustadt ist stimmig, aber die Stimmung schlecht. Der altersschwache und kranke Dichter Hauptmann sitzt zusammengekauert auf einem Koffer, als Berühmtheit erkannt und beargwöhnt von anderen Reisenden, behütet von seiner Frau Margarete, der Sekretärin Annie Pollak und dem Masseur Paul Metzkow. Die Ungewißheit, ob überhaupt noch ein Zug Richtung Schlesien fährt, weil Breslau von der Roten Armee bereits eingekesselt ist, zerrt an den Nerven. 
Damit eröffnet Hans Pleschinski den groß angelegten Hauptmann-Roman. Der vielfach ausgezeichnete Autor, 1956 in Celle geboren, in München lebend, Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, versteht sein Fach. Sein 2014 erschienener Roman „Königsallee“ über Thomas Mann wurde zum Bestseller ausgerufen, als Gegenpol folgt jetzt Gerhart Hauptmann. Ab 05. Februar 1945 hält sich das Ehepaar Hauptmann im Sanatorium Weidner zu Dresden-Wachwitz auf, sieht von dort die Luftangriffe auf die Elbestadt. Nach einer strapaziösen Zugfahrt erreichen sie am 21. März ihr seit 1901 bewohntes Haus „Wiesenstein“ in Agnetendorf (Jagniątków) bei Hirschberg (Jelenia Góra). Dort erlebt der Schriftsteller das Kriegsende, die sowjetische Besatzung und den Beginn der polnischen Verwaltung samt Vertreibung der Deutschen. Eine Genesung tritt nicht mehr ein. Hauptmann stirbt dreiundachtzigjährig am 06. Juni 1946. Sein Leichnam wird nach Hiddensee überführt.
Hans Pleschinski holt in seinem Roman weit aus. Ob erste Ehe mit Marie Thienemann vom Hohenhaus in Radebeul, die großen Erfolge der Dramen, die zweite Ehe mit Margarete Marschalk, Nobelpreis 1912, Söhne und Enkelsohn, die indifferente Haltung zum Nationalsozialismus, das Hissen der Hakenkreuzflagge am Haus auf Hiddensee, ein Besuch des Generalgouverneurs von Polen Hans Frank, der Empfang bei Goebbels, Romane und Dichtungen, all das wird durch Tischgespräche und Unterhaltungen der Bediensteten ins Bewußtsein des Lesers gerückt. Das nimmt befremdliche Züge an, wenn der erst in Dresden eingestellte Masseur binnen kurzer Zeit den Hauptmann-Kenner und bevorzugten Vorleser gibt, und sich sogar Urteile über das Werk des Meisters anmaßt. Beim Versuch, wichtige Teile von Hauptmanns Werk in den Roman einzubeziehen, überfrachtet Pleschinski sein Erzählen mit Zitaten und germanistischen Auslassungen. Obwohl ringsum die Welt in Scherben fällt, wird bis zuletzt im Haus „Wiesenstein“ großer Wert auf Etikette gelegt. Neben Sekretärin und Masseur gehören zur Gefolgschaft Köchin, Wäscherin, Diener, Gärtner, persönlicher Assistent, Hausmeister und Krankenschwester sowie zwei Putzfrauen. Hinzu kommen Freunde und Bekannte aus der Wiesenstein-Umgebung, wie der schlesische Schriftsteller Gerhart Pohl.
Die Charakterisierung Hauptmanns degradiert den Dichter mitunter zur Witzfigur. Sein Stottern, das bis ins Schriftbild ausgestellt wird. Die Allüren als „zweiter Goethe“ und wenn er wie Balzac eine braune Franziskanerkutte trägt. Nur in den heimlichen Dialogen mit seiner Kasperl-Marionette stellt der Gottgleiche sich selbst in Frage. „Törichter Greis“, spricht der Kasper, „hast aufs falsche Pferd gesetzt. Das Unreich hat dich nun mit in seinen Schlick gezogen.“ Hauptmann: „Ich habe auf die Höllengespanne nicht gesetzt. Sie waren da, mit Urgewalt, ich wurde mitgeschleift.“ Kasper: „Pah, Gert, anecken wolltest du nicht … Bedachtsam deinen Ruhm auskosten. Ruhe, Herr Nobelpreisträger, wird Verbrechen.“ Diese „Ruhe“ zeigt sich selbst anhand des berühmt gewordenen Textes „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“, der Hauptmann vom Propagandaministerium abgepreßt und schließlich als Appell verfälscht im Rundfunk gesendet wird.

Nicht immer wird Hans Pleschinskis Romansprache dem Anspruch gerecht. Vereinzelte Szenen wirken wie Schwänke im Boulevardtheater. So auch der Besuch von Johannes R. Becher im Oktober 1945 auf „Wiesenstein“. Wie vordergründig Pleschinski seine Meinung über Becher dem Leser aufzwingt hat Bildzeitungsniveau, wenn fortwährend die Rede ist vom „berühmten Parteimitglied der KPD“, schillernden Künstlerfunktionär“ oder „ostzonalen Kulturpräsidenten“. Auf diese Weise vermag die von Pleschinski erzählte Geschichte über Kultur- und Heimatverlust gespiegelt in den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts keinen geschlossenen Gesamteindruck zu hinterlassen, und hält einem Vergleich mit biografischen Romanen von Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger und Peter Härtling nicht stand.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 29.01.2018)

Wo Geister den Werktätigen Gedichte diktieren
Wolfgang Hegewald schreibt ein sehr lebendiges Lebenslexikon

Wer ein Lexikon zur Hand nimmt, will sein Wissen aufpolieren. Wer sein Wissen über Wolfgang Hegewald, 1952 in Dresden-Klotzsche geboren, vervollständigen und dabei aufs Beste unterhalten werden will, greife zu seinem jüngsten Buch. Spielerisch geschickt nutzt er Aufbau, Gliederung und Eigenheiten eines Lexikons mit Rückbezügen und Querverweisen, um sein bisheriges Leben Revue passieren zu lassen, vagabundiert auf hohem sprachlichen Niveau „von Ach – Oh von Ah – Weh von Achim – Zacharias“, wie es im Untertitel heißt. Es beginnt mit dem Eintrag zum Ausrufewort „Ach“. Verwiesen wird auf das Lied aus dem Evangelischen Gesangsbuch, „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“,  geschrieben 1652 von Michael Franck, was dem Autor in die Wiege gelegt wurde, denn genau dreihundert Jahre später erblickte er das Licht der Klotzscher Welt. Und das Lebenslexikon endet mit dem Wort „Zylinderkopfdichtung“, wobei dem Autor „Tante Anni in Radebeul“ und der auf dem Weg dorthin zu passierende „VEB Dichtungswerk“ einfällt. Das Kind, das der Autor damals war, fragte sich: „Was mochte sich hinter diesen rußdüsteren Fabrikmauern ereignen … Diktierten da Geister den Werktätigen in drei Schichten Gedichte?“ Wie Wolfgang Hegewald den damit abgesteckten Rahmen ausfüllt, wie er ausgehend von einzelnen Stichwörtern, Episoden, Anekdoten, Geschichten und Geschichte erzählt, ist höchst lesenswert. Autobiographisches wird verfremdet. Jeder neue Buchstabe verleiht auch dem Protagonisten einen neuen Namen. Das reicht von Achim und Bertram bis zu Xaver und Zacharias. Gelegentlich gesellt sich die Ehefrau hinzu, die in die Namenswechsel einbezogen wird und Anja, Clara oder Saskia heißt. „Ich“ wird nicht gesagt. Der Name des wirklichen Autors taucht nur auf, wenn es um die etymologische Erörterung geht, was ein „Hegewald“ ist oder als bei einem Schriftstellertreffen ein „Nathan Niedlich“ von einem „Wolfgang Hegewald“ begehrt, dessen Namen als Pseudonym benutzen zu dürfen. Durch die Lexikoneinträge wimmeln alle wichtigen Romangestalten, die Hegewald mit seinen bislang gut eindutzend Büchern ins Leben gerufen hat. Auf das Genaueste erzählt der Autor die wichtigsten seiner biographischen Eckpunkte. „Wer, alles, bin ich in meinem Leben schon gewesen“. Studium Informationsverarbeitung und Theologie in Dresden und Leipzig, Arbeit als Friedhofsgärtner, 1983 Ausreise aus der DDR, Studioleiter „Literatur und Theater“ an der Universität Tübingen, seit 1996 Professor für Poetik, Rhetorik und Creative Writing an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Aber damit nicht genug. Dem „Ach“ zu Beginn folgt das „Adressbuchpuzzle“, in dem nicht nur alle Hegewald'schen Wohnanschriften preisgegeben, sondern mit absonderlichen Begebenheiten geschmückt werden. Wie ein Schneeball, der zur Lawine wird, reißt es Freund-, Lieb- und Feindschaften, Lehrer, Nachbarn, Tiere, Pflanzen aus der Erinnerung in das Lexikon. Es finden sich wunderbare Huldigungen von Jean Paul, Walter Kempowski, Franz Fühmann und Heinrich Alexander Stoll. Auch einige Dresdner werden verewigt, darunter Zoodirektor Wolfgang Ullrich, Schriftsteller Ossip Kalenter und Sachsens Justizminister i.R. Steffen Heitmann. Wenn die DDR ins Spiel kommt, wird sie umschrieben als: Miststück von einem Staat, läppischer Winkel auf der kulturabgewandten Seite der Geschichte, kleines für seine Fürsorglichkeit berüchtigtes Land. Dann wieder gelingen treffliche Charakterisierungen seiner selbst und seines Schreibens. Er führe ein „Doppelleben als Schriftsteller im Öffentlichen Dienst“ und wolle „mit Dornen bewehrte Satzranken züchten“ und habe eine Vorliebe für „partisanenhaft operierende Satzstaffeln von barocker Wucht“. Nicht zu vergessen, die sorgfältige Gestaltung des in Leinen gebundenen Buches, dem die 1963 in Berlin geborene Künstlerin und Comiczeichnerin Anke Feuchtenberger siebenundzwanzig Zeichnungen beigegeben hat, auf denen der Autor in verschiedenen Lebensstufen mitunter zu erahnen ist.

Abwechslungs- und anspielungsreich, voller Kabinettstücke und Winkelzüge, erfindet Wolfgang Hegewald eine literarische Gattung, die er sich vielleicht als „lexikalische Autobiographie“ patentieren lassen sollte.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 13./14.01.2018)

Einmal Beatle immer Beatle 
Das ganze Leben von Paul McCartney

Eigentlich hatte sich der 1943 in London geborene Musikjournalist Philip Norman bei Paul McCartney alles verscherzt, als er in seiner 1981 erschienenen „True Story of the Beatles – Shout“ behauptete, die Beatles wären zu Dreiviertel John Lennon gewesen. Nachdem Norman Bücher über Rolling Stones, Mick Jagger, Elton John, Buddy Holly und John Lennon folgen ließ, will er sich nun bei Paul, dem wohl berühmtesten Baßgitarristen einer „tollen kleinen Band“, mit einer fast 1000seitigen McCartney-Biographie rehabilitieren. Bis zur Hälfte des Buches muß allerdings vorgedrungen werden, bis Paul wirklich ganz Paul ist, davor dreht sich alles um Kindheit und Beatles. Geburt 1942, früher Tod der Mutter Mary, musikalischer Vater Jim, legendäres Treffen mit John Lennon beim Kirchenfest zu Woolton und Keimzelle der Beatles, Hamburger Wochen in Kaiserkeller und Star-Club, Lunchkonzerte im Liverpooler Cavern Club, erste Single, erste Drogen, erste Langspielplatte, erster Nummer-eins-Hit, verliebt, verlobt, verheiratet. Nichts wird ausgelassen, nichts, was so oder ähnlich schon oft beschrieben worden ist. Zu funkeln beginnt es im Text immer dann, wenn der Autor ein paar der schier unerschöpflichen Beatles-Anekdoten aufpoliert. Zum Beispiel: John und Paul nehmen am 14. April 1969 ohne George und Ringo den Song „The Ballad of John and Yoko“ auf. Als Paul den Schlagzeugpart einspielt, meint John: „Mach ein bißchen langsamer, Ringo“, worauf Paul antwortet: „Okay, George.“ Vielleicht sind den meisten Lesern die Details unklar, warum die Beatles auseinanderbrachen. Philip Norman liefert sie minutiös. Auch wird dem Fakt viel Raum gegeben, daß McCartney seine drei Mitspieler John, George, Ringo verklagte und den Prozeß gewann, was Paul wiederum damit kommentierte, es wäre fast so gewesen, „als würde ich eine Sünde begehen“.

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich Pauls Solojahren. In den Beatlesjahren fühlt sich Norman lesbar wohler. Während dort das Schwadronieren nahezu keine Grenzen kennt, werden einige Paul-Platten nachfolgender Jahrzehnte nur gestreift oder gar nicht genannt. Es geht um den Absturz nach der Beatlestrennung, seine Band „The Wings“, Erfolge und Niederlagen, seine ambitionierten sinfonischen Werken und seine Malerei, die Grundstücks- und Hauskäufe, das Heranwachsen seiner Kinder, die bislang zwei Ehen nach dem Tod seiner großen Liebe Linda. In der Manier englischer Boulevardpresse schildert Norman Pauls wachsendes Vermögen, seine Rekordeinnahmen für Konzerte und Songs sowie die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau Heather Mills. An zwei Konzertabenden in Berkeley/Kalifornien 1989 „verdiente er 3,5 Millionen Dollar“. Sein Song „Wonderful Christmastime“ von 1979 brachte ihm bis heute „geschätzte 15  Millionen Dollar ein“. Bei der Scheidung McCartney-Mills mußte Paul seiner Geschiedenen „Vermögenswerte in Höhe von 23,4 Millionen Pfund“ überlassen. All das ist bestens recherchiert, liest sich gut und erweckt gelegentlich den Eindruck, man habe als Leser für kurze Zeit dem McCartney-Clan angehört. Vier Fotostrecken mit zum Teil verzichtbaren Bildern und ein umfängliches Register ergänzen das Buch. Eine Diskographie wird schmerzlich vermißt.
(Zuerst erschienen: SAX 11/2017)

Tanz der Erinnerungen
Nina Jäckle schreibt über den Verlust einer Berufung

Eigentlich weiß man bereits nach zehn Seiten so gut wie alles über das Buch. Die alt gewordene Tamara Danischewski, Jahrgang 1912, lebt mit ihren Jugenderinnerungen in einem Haus auf dem Land. Sie bewohnt die erste Etage, ihr Mann das Erdgeschoß, sie leben aneinander vorbei. In ihrem „Abrechnungsbuch“ zieht sie nüchtern Bilanz. Als junge Frau studierte sie Ausdruckstanz bei einer berühmten Lehrerin, abends tanzte sie für Geld in einem Kabarett, Mutter schneiderte ihre Kostüme, während die Tochter sich eine große Karriere erträumte. Von all dem sind nichts als Duplikate geblieben; eine handvoll ihrer Autogrammkarten, auf dem Tamara einen kraftvollen Sprung vollführt, die Kopie eines Gemäldes, das sie als Einundzwanzigjährige zeigt, in Öl gemalt von einem bekannten Maler. Das Leben selbst scheint nurmehr eine Dublette.
Nina Jäckle,1966 in Schwenningen geboren sagt von sich selbst, sie gibt „der Sprache den poetischen Raum der Stille zurück“. Das hat sie in Hörspielen, Erzählungen und Romanen praktiziert, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Zuletzt beeindruckte 2014 ihr Fukushima-Roman „Der lange Atem“. 2015 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis, 2016/17 das Villa-Massimo-Stipendium. Während Jäckles Zunftgenossinnen und Alterskollegen ihre dürftigen Stoffe wie süßen Brei über mindestens fünfhundert Seiten aufblähen und es doch nur zu kleinen Romänchen bringen, hat es den Anschein, als ob Jäckle mit nur einhundertundneunzig Seiten ein großer Roman gelingt. Weil sie auf den ersten Seiten das Wichtigste bereits umrissen hat, kann die Autorin dieses nun umkreisen, so daß der Roman sich gleichsam um das Zentrum des Geschehens bewegt. Dabei überbrückt sie spielend mehr als ein halbes Jahrhundert und tanzt nach Belieben durch die Zeiten, aber auch zwischen Wirklichkeit und Erfindung hin und her. Im Kabarett lernt Tamara den Maler kennen, der sie im schwarzgrauen Samtkleid porträtieren wird. Dort begegnet ihr auch jener Mann, der sie heiraten, den Maler einen „Schmierer“ nennen und von ihr verlangen wird, das Tanzen aufzugeben. Etlichen Begebenheiten gibt Jäckle hintergründige Bedeutung. Der Tanzsprung zum Beispiel, bei dem sie gleichsam abhebt, aber auch den Boden unter den Füßen verliert. Oder ihr Porträt in Öl, das anstelle von Tamara berühmt geworden ist und als Leihgabe in Städten wie Paris und Rom das große Publikum findet, das ihr verwehrt geblieben ist. Auch das „Stillhalten“ wird zur Metapher, denn stillhalten muß sie immer, beim Modellstehen mit einer Iris in der Hand, beim Reden über politische Veränderungen, auch später, wenn ihr Mann sie mit anderen Frauen betrügt. Wie nebenher erfährt der Leser etwas über die Theorien der Tanzlehrerin und über die verstörend realistischen Bilder, die der Maler zum Ersten Weltkrieg gezeichnet hat. Namen von Personen und Orten werden so gut wie gar nicht genannt. Einmal verirren sich ein paar Vornamen in den Text. Zweimal erinnert die Mutter Tamara an ihren gemeinsamen Weg von fern her: Finnland, Lettland, Dresden und Wyborg, Helsingfors, Riga, Wismar, Stolp. In konzentrischen Kreisen bewegt sich das Erzählte auf ein und dieselbe Mitte zu, als würde sich ganz allmählich aber unausweichlich eine Schlinge zuziehen.

Ob es Verrat an der Autorin oder ihrem Schreibprinzip ist, wenn der Waschzettel Namen wie Mary Wigman und Otto Dix preisgibt, die im Roman wohlweislich an keiner Stelle genannt werden, sei dahingestellt. Aber zu Zeiten, da sich in Dresden ein Verein vehement dafür einsetzt, daß die Mary-Wigman-Villa/Bautzner Straße dem Tanz nicht verlorengeht, kommt das Buch gerade recht.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 25.07.2017)


Abbild des literarischen Klimas im Nachkriegsdeutschland
Briefe zum 100. von Johannes Bobrowski

Briefe von Schriftstellern bieten neben voyeuristischer Befriedigung vor allem exemplarische Zeitzeugenschaft. So auch das pünktlich zum 100. Geburtstag von Johannes Bobrowski (1917-1965) vorgelegte vierbändige Kompendium. Es zeigt den Lebensweg eines im Memelland, an der Grenze zu Litauen Geborenen, der ihn über Krieg und russische Gefangenschaft mit Antifaschule bis in die DDR nach Berlin-Friedrichshagen in eine viel beachtete Schriftstellerexistenz führt. Damit liegt die Veröffentlichung des bis dato vollständigsten Briefbestandes vor, wie Herausgeber Jochen Meyer, bis 2006 Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach, im Nachwort versichert. Lediglich von den „Dienstbriefen“, die Bobrowski als Lektor geschrieben hat, wurde nur ein Auswahl aufgenommen. Die Geschichte dieser Edition reicht weit zurück und ist ohne den Weimarer Germanisten Eberhard Haufe (1931-2013) undenkbar. Hätte er nicht, nach dem Tod Bobrowskis von dessen Erben als Berater in Nachlaßfragen akzeptiert, den vom Dichter geschriebenen Briefen frühzeitig nachgespürt, sie als Mikrofilme, Kopien und Abschriften gesichert, wäre wohl ein Teil von ihnen längst in alle Winde verstreut.
Die frühesten Briefe von 1937 bis 1940 gehen aus Reichsarbeitsdienst und Kriegsdienst an Eltern und Schwester Ulla. Bobrowski schreibt seiner Mutter, daß ihm „dieser Krieg viel bedeute“, sie „weit in Polen“ liegen und das, was er ihr davon schreiben kann, nicht „schön“ ist. Einen ersten nichtfamiliären Brief sendet er September 1940 an Ernst Jünger, bekannt durch Bücher über den Ersten Weltkrieg, teilt ihm seine Begeisterung über dessen Essays mit und endet mit einem „herzlichen Gruß und Heil Hitler!“ Wenig später, seine Einheit ist am Ilmensee südlich von Nowgorod stationiert, beginnt er Gedichte zu schreiben. Er möchte sie vorzeigen, sie veröffentlicht sehen und wendet sich ausgerechnet an die hitlertreue Schriftstellerin Ina Seidel, der er über zwanzig Briefe schreiben, die er noch 1954 als Reverenz nennen und 1963 am Starnberger See besuchen wird. Aber weder Briefe noch Bücher von Ina Seidel sind im Bobrowski-Nachlaß überliefert. Wurden sie Opfer einer privaten Vergangenheitsbegradigung?
Nach später Rückkehr aus der Gefangenschaft Weihnachten 1949 gibt Bobrowski einigen Adressaten Rätsel auf, indem er seine „Entwicklung vom individualistischen Humanismus … zum Kommunismus“ bekennt. Bald ist davon nicht mehr die Rede, er tritt in die CDU ein und wirft sich mit ganzer Kraft in den Literaturbetrieb. Von jetzt an zeichnet die Korrespondenz ein detail- und abwechslungsreiches Bild des „literarischen Klimas“ dieser Zeit; Suche nach Verlagen und Veröffentlichungsmöglichkeiten, Entstehungsgeschichte seiner Gedichte und des Romans „Levins Mühle“ Meinungsäußerung über zugeschickte Bücher und Manuskripte, Autorenfreundschaften. Bald wird deutlich, daß der Briefeschreiber nicht davor gefeit ist, danach zu handeln, was ihm Vorteile bringt. Einen moralischen Tiefpunkt erreicht er, als er sich nicht an die Seite Peter Huchels stellt, ganz und gar passiv bleibt, nachdem dieser aus politischen Gründen 1962 die Chefredaktion von Sinn und Form abgeben mußte und in die Isolation getrieben wird. Immerhin war es Huchel, der 1955 erstmalig nach dem Krieg Bobrowski-Gedichte drucken ließ. Auffällig sind die überwiegenden Kontakte in den „Westen“. Dorthin gehen die meisten Briefe, dort findet er Verlage, die sich seiner Texte annehmen, dorthin wird er zu Lesungen eingeladen, auch zur hochangesehenen „Gruppe 47“, an deren Treffen er als einer der wenigen DDR-Autoren ab 1960 teilnehmen kann. Über Veranstaltungen und Kollegen im Osten hat er schnell abfällige Bemerkungen zur Hand, eigentlich schätzt er nur Erich Arendt, Christa Reinig und Günter Kunert, von den Jüngeren Bernd Jentzsch. Eindrucksvoll reagiert er auf Gedichtsendungen damals unbekannter, aufstrebender Kollegen, darunter Wulf Kirsten, Wolfgang Hilbig, Uwe Grüning. Lieber aber sind ihm Günter Bruno Fuchs, Christoph Meckel, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger im Westen. Die zahlreichen Briefe an Peter Jokostra (1912-2007), der 1958 aus der DDR floh und mit dem er bis zum Schluß in einer komplizierten Verbindung bleibt, sind deutliches Abbild auseinanderdriftender Beziehungen zwischen Ost und West. Briefe der letzten Lebensjahre zeugen von Krankheiten und zunehmender Müdigkeit. „Ich frag mich in diesen Tagen immer wieder, ob ein paar gelungene Gedichte ein Leben rechtfertigen können.“ Oder: „An die vierhundert Briefe liegen unbeantwortet, unbedankt. Bücherberge ungelesen.“ Oder: „Man müßte 10 Jahre lang das Bücherdrucken einstellen.“
Fraglos liegt eine verdienstvolle wissenschaftliche Ausgabe vor, bei der sogar nicht aufgefundene Briefe erwähnt und die verwendeten Briefmarken beschrieben werden. Aber das spürbare Streben des Herausgebers nach Vollständigkeit wird dem nicht-wissenschaftlichen Leser mitunter zur Last. Angehäufte Fußnoten drohen die Briefe regelrecht zu ersticken, zu oft obsiegt Sekundäres über Primäres, zu viele Wiederholungen stellen die Lesergeduld auf eine harte Probe.
Bis zum Tod von Johanna Bobrowski 2011 konnte des Dichters  Arbeitszimmer unter seiner Postanschrift „Ahornallee 26“ besucht werden. Wer es heute sehen will, muß 1000 Kilometer von Dresden ins litauische Willkischken reisen, wo es im Gemeindehaus neu aufgebaut worden ist.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 27./28.05.2017)


Aufstieg und Fall von Reclam Leipzig
Geschichte eines Verlages und Geschichten vom Büchermachen in einem großen Sammelband

Wer kennt sie nicht? Die Universal-Bibliothek, kurz UB. Universeller Begleiter in allen Lebenslagen. Facettenreicher Wissensspeicher und Kulturspender. Wegzehrung in Sachen Literatur. Erschwinglich für jederfrau und jedermann. Wer aber weiß zwischen Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart zu unterscheiden? Von nahezu fünfzig Autoren, ehemalige Lektoren, Übersetzer, Schriftsteller und Germanisten, werden jetzt phönixgleicher Aufstieg und unverschuldeter Fall des Leipziger Verlages aufgefächert.
Wolfgang Thierse, pensionierter Bundestagspräsident, verrät in seinem Vorwort, daß er ungefähr 200 Bände von Reclam Leipzig in seiner häuslichen Bibliothek zu stehen hat, erworben in 30 DDR-Jahren. Das macht 6,66 Bücher pro Jahr, was für einen „Angehörigen der Intelligenz“ nicht viel ist. Aber immerhin. War es doch alles andere als einfach, die Buchhändler dazu zu bringen, sich tief unter ihre Ladentafel zu bücken, wo die begehrte Ware sinnbildlich lag. Und die Leipziger haben mehr von der so genannten „Bückware“ produziert, als gemeinhin angenommen. 
Vor 180 Jahren, also 1837, gründet Anton Philipp Reclam in Leipzig den Verlag seines Namens. Dreißig Jahre später eröffnet Goethes „Faust“ als Band 1 die Universal-Bibliothek, in der fortan jährlich 140 Nummern erscheinen. Schwere Kriegsschäden an Verlagsgebäuden und Druckereien, Nachkriegsdemontagen im Rahmen sowjetischer Reparation sowie drohende Enteignungen zwingen die „Buchstadt“ Leipzig und ihre Verlage 1945 fast zu Boden. Obwohl viele Verleger mit ihren berühmten Namen in Richtung Westen abwandern, entwickeln sich merkwürdige Doppelexistenzen. Bald gibt es Brockhaus, Insel, List, Kiepenheuer und andere in Ost und West. Auch der Reclam Verlag gründet sich 1947 in Stuttgart als GmbH neu und Alt-Eigentümer Ernst Reclam verläßt den Osten. Die Sowjetische Militäradministration beschließt, in ihrer Besatzungszone nur fünf von einstmals 300 Privatverlagen zur Produktion zuzulassen. Reclam gehört dazu und erhält bereits 1946 eine Verlagslizenz. Im selben Jahr erscheinen neben einigen Titeln aus der Produktion vor 1945 sieben neue UB-Bände; ihre Autoren: Lessing, Goethe, Schiller, Heine, Mörike, Gogol und Puschkin.
Die ebenso verzwickte wie spannende Geschichte um Reclam Leipzig, einem Unikum unter den DDR-Verlagen, der nur ganz kurz als VEB (Volkseigener Betrieb), ansonsten treuhänderisch mit staatlicher Beteiligung geführt wurde, wird im vorliegenden Buch von allen denkbaren Seiten aufgezeigt. Dabei nehmen die Jahrzehnte 1953 bis 1987, in denen Hans Marquardt (1920-2004) erst Cheflektor dann Verlagsleiter war, den größten Raum ein. Unter Marquardts Regie und Dank seiner vorzüglichen Lektoren werden nicht nur literarische Erstausgaben aller Genre forciert, sondern auch philosophische, kulturhistorische und soziologische Texte in Einzelausgaben und Sammlungen präsentiert. Ganz zu schweigen von den hochwertigen, für den größeren Geldbeutel gedachten Ausgaben mit zum Teil originalgrafischen Zeichnungen, Radierungen und Kupferstichen von über 100 Malern; darunter Josef Hegenbarth, Max Schwimmer, Hermann Naumann, HAP Grieshaber und Nuria Quevedo. Viele Eigen- und Besonderheiten des legendären Verlegers Marquardt werden zurecht hinterfragt und durchleuchtet, allerdings hätte auf die Kommentierung seiner Verbindungen zur Staatssicherheit an dieser Stelle verzichtet werden können.
In jedem Fall interessanter als die weitverzweigte Reclamgeschichte sind die Erscheinungsgeschichten, die sich um einzelne Bücher ranken. Erinnert wird an erste Publikationen der Schriften von Ernst Bloch, Walter Benjamin und Hans Mayer, für die mitunter jahrelang gekämpft werden mußte. Erklärt wird, was „LTI - Notizbuch eines Philologen“ von Victor Klemperer für DDR-Leser bedeuten konnte. Erzählt wird davon, weshalb Reiner Kunzes „Brief mit blauem Siegel“ beinahe nicht angekommen wäre, was es mit den zwei verschiedenen Auflagen der „Akte Endler“ auf sich hat, wieso das erste und einzige DDR-Buch von Wolfgang Hilbig zur Sonderedition wurde, warum der Wettlauf um ein erstes Buch von Günter Grass mit „Das Treffen in Telgte“ gewonnen werden konnte und wieso ein von Uwe Johnson geschriebenes Nachwort zu Jean Paul erst als verloren galt und dann doch wieder aufgetaucht ist. Diese oft persönlich gehaltenen Texte sind das Salz in der bisweilen verwissenschaftlichten Buchstabensuppe. Zu denken, einzig und allein Reclam habe „An den Grenzen des Möglichen“ gehandelt, täuscht darüber hinweg, daß auch andere DDR-Verlage etwas gewagt und für viel Stoff im „Leseland“ gesorgt haben. Man erinnere sich nur an die Sigmund Freud- und Arno Schmidt-Ausgaben sowie die „Weiße Reihe“ bei Volk und Welt, an Kafka bei Rütten & Loening, an die Autorenriege Becker, Fühmann, Plenzdorf und Schlesinger bei Hinstorff, an Bücher von Christoph Hein, Günter Kunert und Christa Wolf bei Aufbau, an das „Poesiealbum“ bei Neues Leben, an die Essayistik in der Gustav Kiepenheuer Bücherei.
Reclam Leipzig wurde 1992 reprivatisiert, das einstige Stammhaus zur Tochtergesellschaft von Stuttgart. Als Reclam Bibliothek, ohne „Universal“, fristeten die Leipziger bis 2006 das Gnadenbrot, dann war Schluß. Ein Schicksal, das beinahe alle DDR-Verlage mit Reclam teilten. Schade, daß dieses Schlußkapitel im Buch ausgespart und mit dem Satz abgetan wird: „Die Aufarbeitung der Ursachen, die zur Schließung der Leipziger Niederlassung führten, bleibt weiterer Forschung vorbehalten.“ Konzeptionell gebündelt hat dieses geschichtsträchtige Kompendium Ingrid Sonntag, die Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag Halle und im Kiepenheuer Verlag Leipzig war, unter deren Herausgeber- und Autorenschaft bereits die Bücher „Heimliche Leser in der DDR“ (2008) sowie „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“ (2011) erschienen sind. Während Personenregister, Autorenverzeichnis und zahlreiche Abbildungen das Buch vorteilhaft ergänzen, wird eine Übersicht zur Verlagsgeschichte in Form einer Zeittafel vermißt.

(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 16.02.2017)


Max Frisch behauptet, Gedichte zu schreiben
Der unvergessene Schweizer in Interviews und Gespräche

Es hat den Anschein, Max Frisch geht immer. Zwar ist der Schweizer Autor bereits 1991, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag gestorben, aber auf Neuerscheinungen von ihm und über ihn müssen seine Leser seither keineswegs verzichten. Nach Auszügen aus seinem geheimnisumwitterten „Berliner Journal“ 2014 und der Auseinandersetzung mit den geheimdienstlichen Notizen über ihn in „Ignoranz als Staatsschutz?“ 2015 werden jetzt erstmalig Interviews und Gespräche aus sechs Jahrzehnten in Buchform publiziert. Obwohl er zeitlebens Interviews gegeben hat, mochte er sie nicht. „Das vorstrukturierte Spiel aus Frage und Antwort war ihm zuwider“, schreibt Herausgeber Thomas Strässle im Vorwort. Und wirklich, unter den vierzehn ausgewählten Texten faszinieren jene am meisten, bei denen die Grenzen zwischen Interviewtem und Interviewer verwischen oder die Plätze sogar getauscht werden. Nicht von ungefähr heißt es im Werkstattgespräch mit Horst Bienek von 1961, „dass jedes Ich, das sich ausspricht, eine Rolle ist. Immer. Auch im Leben.“ Zu Beginn des vorliegenden Buches gibt es das „Gespräch mit einem jungen Autor“, eine Kuriosität aus dem Jahr 1934, als in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ein Gespräch mit dem abwesenden Frisch über dessen ersten Roman „Jörg Reinhart“ fingiert wurde. Die Chronologie der Texte endet 1989 mit einer Befragung zum Thema „Schweiz ohne Armee?“, die erst zwei Jahre später, drei Tage nach Frischs Tod, erschienen ist. Ebenso kluge wie kurze Einführungstexte des Herausgebers verweisen auf das Besondere des jeweiligen Gesprächs, welcher Journalist es zu welchem Anlaß geführt hat und wo es erschienen ist. So können auch Leser, die mit Frischs Stücken, Romanen, Erzählungen und Tagebüchern wenig vertraut sind, von diesen Gesprächen partizipieren, zumal sie nicht nur Literatur, sondern auch gesellschaftliche Belange umkreisen; Kalter Krieg, Aufrüstung, Großmachtsucht und immer wieder das schwierige Verhältnis des Autors zur Schweiz. Bereits 1959 erklärt Frisch: „Also der Ursprung meiner Schriftstellerei war das akute Engagement.“ Sein Wort hatte Gewicht, seine Einmischungen wurden gehört. Als erwartet schwierig erwies sich das Gespräch mit Anatolij Frenkin für die „Literaturnaja Gazeta“, das vor seiner Veröffentlichung 1985 in der Sowjetunion zensiert, hier vollständig abgedruckt wird. Frenkin kritisiert die Schweiz wegen antisowjetischer Aktionen und fragt, ob „das nicht zu viel für ein neutrales Land“ sei. Frisch antwortet: „Sie dürfen sich ein neutrales Land nicht vorstellen als ein Taubstummenheim.“ Höchst interessant liest sich, wie unterschiedlich Max Frischs Reaktionen auf die jeweiligen Interviewer ausfallen. Einerseits das 1981 beinahe im Streit endende Gespräch mit dem berüchtigten Feuilletonchef der „ZEIT“ Fritz J. Raddatz, bei dem Frisch ächzt: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ und stöhnt: „Langsam wird’s blöd.“ Andererseits das sich über drei Tage erstreckende Gespräch mit Jodi Daynard für die in New York erscheinende Literaturzeitschrift „The Paris Review“. Nicht nur ist Daynard die einzige Frau unter den Interviewern des Buches, auch ist sie 1984, zum Zeitpunkt des Gesprächs, erst 27 Jahre alt. Der damals 73jährige Max Frisch blüht regelrecht auf. Er widerspricht ihr nicht, gibt ihr auffallend oft recht, sagt: das ist eine gute Frage, spricht über die „erotische, magische Präsenz“ einer weiblichen Stimme, über Inzest in „Homo faber“, erwähnt sogar, zur Klärung des Unterschieds zwischen „Sünde“ und „Schuld“, das Erlebnis der ersten Erektion. Unüberlesbare Avancen. Als sie ihn fragt: „Schreiben Sie Gedichte?“, antwortet er ganz und gar von sich überzeugt: „Ja, das tue ich.“ Im Frisch-Nachlaß sind allerdings nur zwei Gedichte erhalten. Spätestens dann wird deutlich, daß dieses Buch mit seinen 115 Fußnoten nicht nur eine weitere germanistische und informative Fingerübung sondern auch unterhaltsam ist.

(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 07.04.2017)

Sgt. Pepper wird fünfzig
Einmal Beatles, immer Beatles

Fraglos durchleben sowohl Beatles-Fans als auch Nicht-Beatles-Fans ein schwieriges Jahrzehnt. Ersteren gehen die Ereignisse ganz schön ins Geld, letzteren gehen sie nur auf den Docht. Gleichwie. Jedes Jahr dieser Dekade bietet das 50jährige Jubiläum eines Beatles-Ereignisses. Vom ersten „Yeah“-Schrei bis zur letzten gemeinsamen Aufnahme, nichts, was nicht mit kostspieligen Neuheiten oder fünfzigsten Aufgüssen bedacht wird. Dieses Jahr ist ihr Album „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ an der Reihe, das am 01. Juni 1967 in den Verkauf ging. Passend zum Thema strömen Bücher, Fotos, Filme, diverse Neuabmischungen zusammen mit Outtakes in Mono, Stereo, Dolby Surround auf den Markt. Lesen wir in zwei Bücher hinein.
Wer liebevoll komprimierte Informationen sowie dürftige Fotos in schwarzweiß und en miniature mag, nehme Peter Kempers „100 Seiten“ zur Hand“. Beachtenswert sind seine statistischen Grafiken, die einer Examensarbeit entstammen könnten: Verwendete Instrumente nach Gruppen. Anzahl der Instrumente, die in den Songs zu hören sind. Zeitfolge der Aufnahmen. Anzahl der Berufsgruppen der auf dem Cover abgebildeten Personen in Prozent. Auch werden vollständigkeitssüchtige Fans heiß gemacht, wenn sich ein Kapitel dem bis heute unveröffentlichten Beatles-Track „Carnival Of Light“ widmet, einer vierzehnminütigen Klangmontage, die während der Pepper-Sessions am 05. Januar 1967 aufgenommen worden ist. Als ganz besonders reizend darf ein Foto eingestuft werden, das „Lucy O'Donnell im Alter von vier Jahren“ zeigt, kurz bevor sie John Lennons Sohn Julien „In The Sky With Diamonds“ zeichnete. Ein Treffer ist der Kemper-Satz: „Wer nicht das Glück hatte, als Teenager die sechziger Jahre erlebt zu haben, wird kaum ermessen können, wie viel Optimismus und Aufbruchsgeist damals in der Luft lag.“ 
Wer aber faktenorientierte Auskünfte und Bücher mit üppiger Fotoausstattung mag, greife zum Southall-Buch. Sinnstiftend deutet das Buch nicht nur das Format einer Langspielplatte an, sondern ist wie diese in „A-Seite“ und „B-Seite“ unterteilt. Während sich auf der „A-Seite“ alles um die Beatles und „Sgt. Pepper“ dreht, gibt die „B-Seite“ den Blick auf das frei, was 1967 sonst noch in der (Pop-) Welt passierte, während die Beatles in den Abbey-Road-Studios ein halbes Jahr an ihrem Meisterwerk bastelten. Monat für Monat gibt es den Blick auf die Top-Hits der Single- und Album-Charts. Als Juni '67 „Sgt. Pepper“ in „United Kingdom“ sofort auf Platz 1 schießt, thronen in Deutschland (West) „Die schönsten russischen Volkslieder“ und in den USA „Sounds Like“ von und mit Herb Alpert noch ganz oben. Aber einen Monat später ist die Welt wieder in Ordnung und „Sgt. Pepper“ führt die Charts überall an. George Harrison kommentiert: „Die Beatles haben die Welt vor der Langeweile gerettet.“ Da hat er wohl recht gehabt, auch wenn John Lennon kontert: „Vielleicht nahmen wir uns selbst zu wichtig.“
(Zuerst erschienen: SAX 06/2017)


Das „dunkle Übel“ der Literaturwissenschaft
Tür und Tor zum Nachlaß von Ingeborg Bachmann geöffnet

Die große „Salzburger Bachmann Edition“ wurde gestartet. Auf dreißig Bände wird die Ausgabe anschwellen. Ingeborg Bachmann, geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben 1973 im Alter von 47 Jahren nach einem Brandunfall in Rom, galt schon zu Lebzeiten als Literaturikone, erst recht nach ihrem tragischen Tod. Jedes seither veröffentlichte Fragment aus ihrem sechstausend Blätter umfassenden Nachlaß wurde wie eine Offenbarung gehandelt. In den kommenden Jahren, oder muß in Jahrzehnten gerechnet werden, soll nun endgültig alles publiziert werden, auch die bislang zum Teil unter Verschluß gehaltenen Briefe. Unter dem Siegel der Wissenschaftlichkeit werden dem Voyeurismus Tür und Tor geöffnet. Am Beginn stehen „Traumnotate und Aufzeichnungen“ sowie „Briefe, Brief- und Redeentwürfe“. Insgesamt achtundzwanzig Bruchstücke bieten auf 75 Seiten original Bachmannsche Hinterlassenschaft, dann setzt schon der Kommentarteil ein. Die meisten Texte kreisen um die Trennung von Max Frisch, mit dem sie von 1958-1962 zusammengelebt hat. Ingeborg Bachmann verkraftet das Ende dieser Beziehung nicht. Bei mehreren Klinikaufenthalten und psychotherapeutischen Behandlungen kann ihr nur bedingt geholfen werden. Ihre „Misere“ mündet in Schwangerschaftsabbruch und Gebärmutteroperation, Alkohol- und Tablettensucht. Muß der Leser das wissen, um ihre zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte und Erzählungen zu verstehen? Gefördert wird das Mammutprojekt von der Republik Österreich, Bundeskanzleramt. Hätte sich die Bachmann von Politikern fördern lassen? In ihrem Vorwort fragen die Hauptherausgeber Irene Fußl und Hans Höller: „Verstößt die Veröffentlichung … gegen die Gebote der Diskretion“ und antworten sich selbst: „Ja, die hier vorgelegten Texte verstoßen gegen Schweigegebote“. Vielleicht ist der Start auch nur eine unglückliche Wahl im Editionsplan? Der zweite Band bringt das Fragment gebliebene Erzählvorhaben „Das Buch Goldmann“, folgen sollen Briefwechsel mit Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger und Max Frisch. Das eigentliche „Male oscuro“, was so viel wie „dunkles Übel“ heißt, scheint die Literaturwissenschaft zu sein, die jedem toten Literaten seine letzte Ruhe raubt.

(Zuerst erschienen: SAX 07/2017)


Der diplomierte Dichter
Joochen Laabs zum 80. Geburtstag

„In den Büchern haben immer die Dichter recht, nie die Ingenieure … Ich bin in den Büchern auf seiten der Ingenieure … Im Leben bin ich auf seiten der Dichter“. Wer zu solch programmatischen Sätzen fähig ist, muß etwas davon verstehen. Joochen Laabs versteht sich darauf, denn er kennt sowohl das Eine als auch das Andere. 1937 in Dresden geboren, studierte er nach einem Niederlausitzer Intermezzo an der Verkehrshochschule Ingenieurwesen, was er in den Jahren von 1962 bis 1975 ausgiebig als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Dresdner Forschungsstelle für Kraft- und städtischen Nahverkehr praktizierte. Bevor er sich 1976 in die Freiberuflichkeit nach Berlin davonstahl, trat der Diplomingenieur als Dichter in Erscheinung. Schon 1970 mit seinem Debüt ließ er aufhorchen. Nicht nur verriet der anspielungsreiche Titel „Eine Straßenbahn für Nofretete“ nahverkehrstechnische Bezüglichkeiten, auch strotzten die Gedichte des damals Dreiunddreißigjährigen vor ironischem Selbstbewußtsein. Keine Lyrismen, kein gewollt poetischer Schnickschnack. Ganz und gar unpathetisch wurde einer Alltagsphilosophie mit hohem Wiedererkennungseffekt gefrönt. Erfrischend oft ging es um die, „Die den Personalausweisvermerk tragen: Geschlecht – weiblich“. So auch ein Jahr später, als er seinen in Dresden handelnden Studentenroman „Das Grashaus“ mit dem hinterhältig langen Untertitel „Die Aufteilung von 35000 Frauen auf zwei Mann“ vorlegte. Zwar erschien 1978 mit „Himmel sträflicher Leichtsinn“ noch ein zweiter Gedichtband, aber Laabs war inzwischen nicht nur nach „Preußen exiliert“, wie es sein Freund Volker Braun formuliert hat, sondern auch ins erzählerische Fach. Wenigstens drei wichtige Romane sind zu nennen. „Der Ausbruch“, „Der Schattenfänger“ und sein Opus magnum „Späte Reise“, in dem seine Figuren über ein halbes Jahrhundert zwischen Europa und Amerika agieren. Wer dachte, Joochen Laabs sei nicht nur den Ingenieuren sondern für immer auch den Dichtern verlorengegangen, hat sich geirrt. So wie das ihm angeborene Dresden hat er das Dichten nie ganz aufgegeben. Fast 40 Jahre nach seinem „sträflichen Leichtsinn“ mischt er jetzt neue Gedichte unter alte Bekannte, die Joachim John assoziationsreich mit Zeichnungen begleitet. Da sind sie wieder seine Straßenbahngedichte, sein burschikoses „Guten Morgen“, in dem sich die Beine als „die größten Gesinnungslumpen“ erweisen und sein „Abends“, wenn er sich angesichts der über dem Tal ausgeschütteten Lichter eingesteht: „Da/bin ich unfähig, mir vorzustellen,/daß es irgendwo Bosheit gibt.“ Wir finden seine „These XVII“ von 1960 wieder, die besagt: „Wir sollten/nicht derartig große Worte/in den Mund nehmen,/daß uns im Kopf/kein Platz mehr/zum Denken bleibt.“ Das war für damalige Verhältnisse reichlich mutig und ist heute immer noch gültig. Wir finden sein „Prag im Herbst“, 1968 geschrieben, das damals nicht erschienen ist. Unter den Novitäten, die den Ton von früher aufnehmen und halten, gibt es Mutter und Vater gewidmete Gedichte, Schatten- und Mondverse, Vorstadt-, Cottbus- und Dresden-Strophen, auch Reime werden vorsichtig ausprobiert. Als junger Kerl trieb ihn vor allem eine Sorge um, „daß mich Trägheit verschlammt;/daß ich die Wahrheit zu nennen, wie ich sie begreif,/einlös gegen Altersversorgung.“ Nun ist das unterversorgte Alter da, aber Joochen Laabs ist alles andere als träge geworden und seine Wahrheiten hat er auch nicht eingetauscht. Heute fragt er „Wo komm ich hin,/im Juli geboren, nackt“ und antwortet selbst „es geht/weiter, so oder/wie“. Ja, möge es weitergehen. Am 03. Juli feiert Joochen Laabs seinen 80.  Geburtstag. Ihm zu Ehren klingeln die Dresdner Straßenbahnen.

(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 01./02.07.2017)





Wenn Jamben durch Verlage rinnen
Gedichte von Thomas Kunst außer Rand und Band

Es gibt Kunstfertigkeit, Kunstgewerbe, Kunstfehler und es gibt Kunst, Thomas. 1965 in Stralsund geboren, seit 1986 Leipziger, kann Kunst ein abgebrochenes Pädagogikstudium, eine Stelle als Bibliotheksassistent in der Deutschen Bücherei und gut ein Dutzend Veröffentlichungen vorweisen. Gern heißt es, Kunst und seine Lyrik-Kunst seien Verkannte. Da sind Verkanntere bekannter. Immerhin hat Thomas Kunst mit dem Dresdner und dem Meraner Lyrik-Preis sowie dem Villa-Massimo-Stipendium schon wichtige Ehrungen für seine Gedichte erfahren. Nach einer branchentypischen Odyssee durch diverse Verlage versucht es nun Suhrkamp mit Kunst, was aufhorchen und genau lesen läßt. Schon das erste Gedicht vereint vieles, was Kunsts Kunst ausmacht. Weit in die Ferne Gerücktes und weit Hergeholtes, kleine Unschärfen, gewollte Schrägheit zulasten genauer Formulierung. Vers vier und fünf heißt: „in der unteren Etage eines Kugelschreibers wurde die handfeste Stimmung auf den Feldern enthüllt“, etwas später folgt: „in der oberen Etage eines Kugelschreibers wurden die Fahrradgestelle knapp“. Auch wenn sich diese Phänomene in Malawi „an den Ufern des Chilva-Sees“ (oder Chilwa-See?) ereignen, und wir so gut wie nichts von Malawi wissen, ahnen wir doch, daß sie Akte-X-artig „jenseits der Wahrheit“ liegen und fragen uns „wie das wohl alles zusammengehört“. Auch springt uns schon auf der ersten Gedichtseite der Titel des Buches ins Auge. Von „Kolonien an Körpertemperatur/Unter den Manschettenknöpfen“ geht da die Rede und uns ist sogleich „nach abgeflauter Zufriedenheit zumute“, denn das Bild hängt schief. Bekanntlich liegen „unter“ solcherart Knöpfen nichts als Manschetten. „Körpertemperatur“ findet andernorts statt. Wer aber nach dem ersten Gedicht aufgibt, läuft Gefahr, die Höhepunkte zu verpassen. Da wären die „Hebebühne in Delitzsch-West“ oder das „Hunza Valley“, in dem man uralt werden kann, der Saporoshez SAS 966 von Herrn Dalewski oder die Schneekatastrophe auf Rügen von 1978, der Rülpsweltmeister Paul Hunn oder „Bessie, die SS-Mann werden wollte“, womit Thomas Kunst seinen US-amerikanischen Helden Donald Barthelme zitiert, der mit doppelbödigem Nonsens Erfolge feierte. Auch die Briefe an seine Freunde Feridun Zaimoglu („Mein liebster Feri-San“) und Gaston Salvatore würde man versäumen, ohne etwas zu verpassen. Nicht überlesen sollte man, daß er bedauert, wenn „Jamben durch Verlage rinnen“. Was wirklich gut gesagt ist! Nicht zu vergessen die Kunst'sche Reimkunst  „Die Dichter überleben Sprechartisten -/Sie täuschen, trauern, lösen Treffer aus/Wer jetzt nicht stirbt, behindert Bestenlisten/Betroffenheit ziert Nötigungsapplaus.“

Als Kunsts Kunstfertigkeit kann sein ebenso exzessiver wie explosiver Sprachgebrauch erkannt werden, der von Kalauer bis Kauderwelsch alle Register zieht. Das Kunstgewerbe äußert sich vor allem in der Komposition des Buches, die auf die Regel eines Sonettenkranzes zurückgreift, indem immer ein Vers, eine Zeile an das nächste Gedicht weitergereicht wird. Der Kunstfehler wäre der, daß die im Buch enthaltenen acht Sonette noch keinen „Kranz“ ergeben und alle anderen Texte zumeist weit ins Fach langer Erzählgedichte schweifen. Wieder einmal erweist sich der altväterliche Spruch als wahr: „Es genügt nicht nur zu blasen, man muß auch auf die Noten gucken.“
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 15.08.2017)


Das Gedächtnis wird zur tödlichen Gefahr
Neuer Roman von Christoph Hein

Kaum wurde voriges Jahr behauptet, Christoph Heins „Glückskind mit Vater“ sei „der neue große Deutschland-Roman“, läßt der Autor den nächsten Streich folgen, von dem es heißt, dies wäre „ein Jahrhundertroman“. Wer der Legende anhängt, der erste Satz ist der wichtigste Satz eines jeden Romans, findet hier einen, der immerhin neugierig aufhorchen läßt: „In diesen Roman geriet ich aus Versehen oder vielmehr durch eine Bequemlichkeit.“ Im Vorspann lernt der Erzähler unter bemerkenswerten Umständen Maykl Trutz kennen, einen „älteren Herrn“, der sich als Gedächtniswunder mit außerordentlich trainiertem Erinnerungsvermögen erweist. Er berichtet vom Schicksal zweier Familien, die durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts nahezu ausgelöscht werden. Als Trutz stirbt, begibt sich der Erzähler in verschiedene Länderarchive, um den Bericht abzurunden. Der so entstandene Roman handelt in drei Epochen. Deutsches Reich mit Ende der Weimarer Republik und Hitlers Machtergreifung, Stalinismus mit GULAG und Zweitem Weltkrieg sowie vier Jahrzehnte DDR. Der Vater von Maykl Trutz, Rainer, verläßt als Neunzehnjähriger das väterliche Dorf, um in der Reichshauptstadt Karriere zu machen. Durch Vermittlung der Zufallsbekanntschaft Lilija, einer Lettin, die als Kulturbeauftragte der sowjetischen Botschaft in Berlin arbeitet, findet Trutz Senior Zugang zu Künstlerkreisen, versucht sich im Schreiben von Kritiken und literarischen Texten, lernt die Gewerkschafterin Gudrun kennen, die er bald heiraten wird. Mit seinem Roman über deutsche Spießigkeit in einer Kleinstadt gerät er ins Visier der Faschisten, wird als undeutsch und „rote Ratte“ gebrandmarkt, ein Schlägertrupp verwüstet seine Wohnung, er wird beruflich kaltgestellt und muß um sein Leben fürchten. Mit Hilfe von Lilija gelingt ihm und Gudrun in letzter Minute die Emigration nach Moskau. Der hier beginnende mittlere und zweite Teil des Hein-Romans erweist sich als außerordentlich vielschichtig und eindringlich. Wie Gudrun und Rainer Trutz sich anfangs in Moskau unter Freunden und sicher wähnen, Arbeit finden, ihre Zweisamkeit um ein Kind bereichern, dann aber immer schlimmer vom Regen in die Traufe kommen, geht an die Nieren. Aber zugleich setzt auch jener Erzählstrang ein, der den Roman über einen reinen Lebensbericht hinaushebt. Trutz nämlich gerät in eine Versuchsgruppe von Waldemar Gejm, Professor an der Lomonossw-Universität, der auf dem Gebiet der Mnemonik forscht, was eine seit der Antike bekannte aber weithin vergessene „Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung“ ist. Trutz und Gejm, verbunden durch ihr in sibirische Verbannung mündendes vergleichbares Schicksal, freunden sich an und geben bis über den Tod hinaus Können und Wissen hinsichtlich Gedächtnistraining an ihre Söhne Maykl Trutz und Rem Gejm weiter. Nach 1945, worüber der dritte Teil des Romans berichtet, strandet Trutz Junior in einem Provinzarchiv der DDR, während Rem in der sowjetischen Armee einen hohen Dienstgrad als Dolmetscher erlangt. Aber auch die Wiederbegegnung beider Freunde nach achtundvierzig Jahren nimmt kein gutes Ende. Nicht nur erweist sich ein trainiertes Gedächtnis „für das Eheleben als beschwerlich“, denn „es sei nicht möglich, mit einem Menschen zusammenzuleben, der nie etwas vergessen könne“, auch gelangt Maykl zu der Erkenntnis: „Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis.“ Dieser Roman von beinahe fünfhundert Seiten gönnt dem Leser kaum eine Atempause. Einmal mehr erweist sich Christoph Hein als das, was er immer als seine oberste Pflicht angesehen hat, nämlich Chronist seiner Zeit, seines Jahrhunderts zu sein.

(Zuerst erschienen: SAX 09/2017)


Ein Einzelgänger, der um sein Leben schrieb
Leben und Werk eines ungewöhnlichen Schriftstellers


Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig war ein Phänomen. Zehn Jahre nach seinem Tod wird versucht, ihm mit einer ersten großen Biographie auf die Spur zu kommen. Aus welcher Asche kam er, daß er wie Phoenix in den literarischen Olymp aufzusteigen vermochte? Was hat seiner Sprache jene metaphorische Bedeutung verliehen, daß sie als die gewichtigste seiner Generation gilt? Auf welchem biographischen Hinterland wurzeln diese Gedichte, Erzählungen und Romane, daß sie solch eine singuläre Faszination auf Leser ausüben? Michael Opitz, 1953 in Berlin geborener Germanist, hat sich diesen Fragen und dem schwierigen Leben seines Protagonisten ebenso einfühlsam wie gekonnt gestellt. Nach einem Prolog beginnt die Biographie in der thüringischen Kleinstadt Meuselwitz am 31. August 1941 mit der Geburt Wolfgang Hilbigs. Ein Sonntags- und Kriegskind, dessen Vater 1943 vor Stalingrad vermißt wird, das bei Mutter und Großeltern in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Rüstungsbetrieb mit zugehörigem KZ-Außenlager und unter mehrfachen Bombenangriffen aufwächst. Großvater Kasimir, ein aus Polen stammender und zu Gewalttätigkeiten neigender Bergmann, der weder schreiben noch lesen konnte, wird durch sein szenenartiges Erzählen zur haßgeliebten Bezugsperson des Enkels. Das war der Humus für Hilbigs Schreiben. Nimmt man seine Meuselwitzer Schul- Lehr- und Berufszeit hinzu, daß er in verschiedenen Berufen, vor allem als Heizer arbeitete, und erst nach fast vierzig Jahren aus Meuselwitz wegging, um eine Existenz als Schriftsteller zu leben, ergibt sich jener Stoff, aus dem seine Lyrik und Prosa beschaffen sind. Michael Opitz hangelt sich an den seit 1979 veröffentlichten Hilbig-Büchern entlang, durchforstet akribisch den Nachlaß des Autors, kann sich auf zahlreiche unveröffentlichte Arbeiten, Briefe und Tagebücher stützen, um den biographischen Faden zu einem Lebensgeflecht zu knüpfen. Dabei unterscheidet er drei Werkphasen. Die Erste in Hilbigs Schulzeit, „als er seine Klassenkameraden mit Westerngeschichten versorgte“. Die Zweite, „in der er in romantischer Manier Erzählungen schrieb“. Und schließlich die Dritte, mit der er sich ab 1965 „verstärkt Gegenwartsthemen“ zuwandte. Opitz spart nichts aus. Hilbigs Doppelleben: tagsüber Arbeiter, nachts am Küchentisch Schriftsteller, zwischendurch Boxer und Turner. Zermürbende Auseinandersetzungen mit allen Kulturinstanzen der DDR; Veröffentlichungsverbote, Überwachung, Gefängnis. Problematisches Verhältnis zu seiner Mutter, zu verschiedenen Frauen und zu seiner 1980 geborenen Tochter Constanze. Alkoholprobleme. Die wenigen Freundschaften mit Kollegen. Die kollegiale Hilfe seines Mentors Franz Fühmann. Schließlich der Weggang in den Westen, seine Wohnungen in Hanau, Nürnberg und in der Pfalz, seine Ehe mit Natascha Wodin, die Rückkehr nach Berlin 1993, renommierte Literaturpreise, seine Gedichte, die Romane „ICH“ und „Das Provisorium“, die großen Erzählungen „Die Weiber“ und „Alte Abdeckerei“, bis hin zur Krebserkrankung, seinem Tod am 02. Juni 2007 und der Beisetzung auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof. Michael Opitz bietet eine umsichtige Gratwanderung zwischen germanistischer Werkinterpretation und biographischem Erzählen, vielleicht, weil es die einzige Möglichkeit ist, sich dem Phänomen Hilbig zu nähern. Denn eine Schwierigkeit beim Verfassen dieser Biographie dürfte darin bestanden haben, daß Hilbig nach außen wenig gelebt hat, ein von Wörtern Getriebener war, einzig als Einzelgänger im Schreiben den Sinn seines Lebens fand. Chronik, Anmerkungen, Namensregister und 45 kleinformatige Fotos runden das Buch ab. Wenn im nächsten Jahr als Abschluß der siebenbändigen Werkausgabe Wolfgang Hilbigs Essays und Reden erscheinen, wird zu erkennen sein, wie schmerzlich diese kompromißlose Stimme heute fehlt.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 11./12.11.2017)


Runderneuerung eines Dichters
Gedichte von Durs Grünbein

In nur wenigen Gedichten seines neuen Lyrikbandes verzichtet der 1962 in Dresden geborene, in Berlin und Rom lebende Durs Grünbein, auf das Wörtchen „wie“. Ihm deshalb „Leerlauf“ zu attestieren, was der Arzt und Dichter Gottfried Benn der Lyrik seiner Zeit anlastete, wäre ungerecht. Bei der Lektüre der aktuellen Grünbein-Gedichte wird schnell klar, dieser Dichter schreibt gegen sich selber an, gegen vielerlei Erwartung und Schubladen, die mit seinem Namen verbunden sind. Keine angestrengte Wanderung zum Parnass findet mehr statt, sondern Alltag. Die Verwendung von Reimen kommt nur noch andeutungsweise vor. Die Formen lösen sich bis hin zur Prosa auf. Mehr als sonst nutzt er das Spiel mit den Wörtern, scheut selbst Kalauer nicht. Die meisten Strophen klingen so, als habe ihr Autor Sehnsucht nach seinen Anfängen, als er 1988 im Erstling „Grauzone morgens“ mit freirhythmischen Gebilden Straßenszenen Dresdens und Berlins abbildete. Aber Grünbein ist keine 26 mehr. Jetzt, da er die 55 überschritten hat, bezichtigt er sich selbst: „Was fiel dir ein,/Ein ganzes Leben auf Worte zu bauen?“, registriert verwundert: „Es ist, als hätte ich nie/Eine Zeile geschrieben“ und fragt weiter: „Ist das denn denkbar: Der Bruch mit der Literatur?“ Zugleich aber wird programmatisch appelliert: „Schreib ein Buch deiner täglichen Schwächen“. Der wohl gefüllte Gedichtband läßt nicht vermuten, daß ihm die Ideen ausgehen, auch wenn er sagt: „Immer wenn mir nichts einfällt, mach ich den Abwasch.“ Sich den Dichter von „Nach den Satiren“ oder „Koloss im Nebel“ am Spülstein vorzustellen, war bislang ein Ding der Unmöglichkeit. Auch undenkbar, daß er seine Gedichte jemals mit solchen Floskeln beginnen könnte: „Die Lage ist die“ und „Bei uns ist es so“. Sieht er gar seine ureigenste Sache mit Skepsis, wenn er konstatiert: „Am Ende des letzten Jahrhunderts/War Lyrik ein Unwort geworden“?

Was Durs Grünbein umzusetzen versucht, ist eine Wandlung. Er reinigt die Zündkerzen und los geht’s. Wer glaubt, Grünbein säße nur im Elfenbeinturm, mit rückwärtsgewandtem Blick auf Mythen und Mythologie, der irrt. „Aufgepaßt! Wir verschärfen jetzt das Gedicht“. Was folgt sind ziemlich klare politische Ansagen. In Rom, „der ältesten Weltstadt moderner Art … liegt die Gegenwart aufgebahrt“ und im Park liegen „Afrikaner … verstreut auf dem Rasen“. Dann heißt es: „War die Gesellschaft nicht offen? So offen, daß viele/Von nun an draußen blieben, hinter der gläsernen Wand“. Wo „Remus, Romulus aus dem Schilf“ krochen, fährt heute „im Mercedes die Brutusbrut“. Und der geliebte Minotaurus erscheint dem Dichter in Italien nicht mehr an der Tankstelle, vielmehr als Fleischangebot im Supermarkt „zum halben Preis“. Sich selbst beschreibt er so: „Misanthrop aus Geselligkeit, aus Einsamkeit Humanist“. Die Selbstbeschau wird zu einem bitteren Resümee: „Ich hatte mir vorgenommen, nicht unterzugehen. Nun/Bin ich da angelangt, wo die Schwächen sich tummeln … draußen herrscht Krieg/Um alles, was maßlos ist: Glaube, Geschlechterglück, Geld“. Es hat den Anschein, als ob hier Einer nach diversen Höhenflügen desillusioniert auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt und dabei ist, sich neu zu erfinden.
(Zuerst erschienen: Sächsische Zeitung 05.01.2018)


Wenig Hoffnung
Neue Gedichte von Volker Braun

Seinem Motto gemäß „Gedichte sind der Kern meiner Arbeit“ legt der 1939 in Dresden geborene Volker Braun nach der Sammlung „Auf die schönen Possen“ von 2005 einen neuen Gedichtband vor. Gut Ding will Weile haben. Was nicht heißen soll, der Dichter habe derweil auf der faulen Haut gelegen. In der Zwischenzeit gab es mit „Das Mittagsmahl“, „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ und „Die hellen Haufen“ drei viel beachtete Prosabände. Es erschienen die Arbeitsbücher aus den Jahren 1977 bis 2008 in zwei Teilen, immerhin zu jeweils eintausend Seiten. Schließlich, damit nicht in Vergessenheit gerät, daß Volker Braun auch Dramatiker war und ist, hatte 2016 das Stück „Die Griechen“ seine Uraufführung am Berliner Ensemble. Seit seinem 1965 erschienenen ersten Gedichtband „Provokation für mich“ provozieren seine Texte nicht nur ihn selbst, sondern vor allem seine Leser. War er den realen Sozialisten lange Zeit ein unangepaßt kritischer Gesinnungslump, galt er zur selben Zeit den wirklichen Gesinnungslumpen als Treubraver mit Sklavensprache. Von Anfang an war ihm der Platz zwischen den Stühlen sicher, haben seine Bücher, Stücke und Reden polarisiert, ob er wollte oder nicht. Bei ihm mag man gar nicht an die germanistische Erfindung vom „lyrischen Ich“ denken. Vielmehr darf vermutet werden, daß sich der Autor mit jeder Faser höchstpersönlich einbringt, wenn er die Erste Person Singular verwendet. So auch in seiner neuen Sammlung.
Das Eröffnungsgedicht „Bestimmung“, ein feines Medaillon bestehend aus acht Kreuzreimversen, kann als Fundament gelten für alle Strophen, die danach folgen. „Ja, mein Sehnen geht ins Ferne/Wo ich heitre Dinge treibe./Doch bestimmen mich die Sterne/Daß ich fest am Boden bleibe.“ Mit etwas Phantasie hört der Leser hier Anklänge an einen oft verwursteten Goethe-Vierzeiler, was beim Dialektiker Volker Braun durchaus etwas heißen will. „Willst du immer weiter schweifen?/Sieh, das Gute liegt so nah./Lerne nur das Glück ergreifen,/Denn das Glück ist immer da.“ Aber was Goethe den Nachgeborenen ins Stammbuch geschrieben hat, ist längst ausgehebelt, weit und breit wenig „Gutes“ auszumachen. Vielleicht, um Nähe und Ferne ins Verhältnis zu setzen, ist der Dichter Braun trotzdem viel gereist. China, USA, Türkei, Frankreich, Spanien. Mitunter genügt schon eine Zeitungsmeldung und die Reise beginnt im Kopf. Wo immer er aber hinreist, er findet Kriege, Armut und Hunger, Unbehaustheit der Sprache und Verwilderung der Gesellschaft. Nicht umsonst heißt ein zehnteiliges, im Sommer 2012 geschriebenes Langgedicht „Wilderness“, was nicht nur mit Wildnis und Wüste, sondern auch mit Wirrwarr oder Durcheinander übersetzt werden kann. Hier beruft sich Braun auf das aus dem Jahr 1667 stammende Epos „Das verlorene Paradies“ von John Milton, läßt aber auch Bezüge zu Pasolini und Pound anklingen. Zu Beginn werden „störrische Worte“ und „scheue Verse“ beschworen, die erst nach eindringlichem Locken „ohne Zögern“ zu Strophen werden. Mit den strandenden Migranten von Cádiz, im „Bombodrom“ Bagdad, auf dem Airport Cape Town, am „Kilometer Null der Empörung“, auf Utøya mit dem Massenmörder Breivik, bei den Twin Towers von Manhattan, wächst das unabweisbare Gefühl der Müdigkeit, „müde, Material der Macht zu sein“. Und doch schlägt sich Volker Braun wacker, läßt nur selten Privates zu, auch wenn er sich hin und wieder seinen heimischen Dialekt gönnt. „In jedem Kriebsch sitzt der Wurm“. Nebenbei kann er auch derb werden, weiß, was sich auf „Blöße“ reimt, wo es „arschkalt“ ist und ist sich auch für Kalauer nicht zu schade, wenn sie im poetischen Bilde bleiben.
Volker Braun gibt seinen Gedichtbände immer eine konzeptionelle Struktur. Zwei oder drei Kapitel werden um Anhang und Anmerkungen ergänzt. Der Anhang vereint zumeist „Material“-Gedichte. Wie in einer Werkstatt werden verschiedenartige poetische Substanzen ausprobiert, was sich als „Stoff zum Leben“ oder „Zeitgeist“ erweist. Dort findet sich auch das eine und andere Gedicht aus längst vergangener Zeit, dem damals Öffentlichkeit versagt blieb oder versagt bleiben mußte. In der aktuellen Sammlung ist es „Das Wolfgang Heisesche Collegium“, aus dem Jahr 1987. Heise, von 1952 – 1986 umstrittener Philosoph an der Berliner Humboldt-Universität, Lehrer u.a. von Rudolf Bahro und Wolf Biermann, starb im April 1987 und Braun ruft ihm im Gedicht nach: „Starke Redner/Duldete er um sich: Renegaten/In den Regalen. Er würde sie nicht empfangen/Haben, aber nahm ihre Bücher auf.“ Bemerkenswert ist die Spiegelung dieser Verse hinein in das auf der gegenüberliegenden Seite platzierte und zugleich letzte Gedicht des Bandes „Schicksal der Schlenstedtschen Bibliothek“. Auch dieses ein Nachrufgedicht, das dem 2012 gestorbenen Literaturwissenschaftler und langjährigen Braun-Freund Dieter Schlenstedt gilt, bei dem sich die Bücher „bis an die Decke“ stapelten, die nach seinem Tod billig verhökert worden sind. Bitter resümiert der Dichter: „Was ein Halbjahrhundert aufliest/Zerschreddert das nächste, wer schreibt, handelt/Und geht.“
Ebenso interessant wie gelungen ist die fortgesetzte Korrespondenz des Gedichts „Das Lehen“ aus dem Jahr 1980, das sich auf ein Gedicht Walther von der Vogelweide gleichen Titels bezog und mit den markanten Versen begann: „Ich bleib im Lande und nähre mich im Osten./Mit meinen Sprüchen, die mich den Kragen kosten“. Zehn Jahre später folgte im gleichen Duktus, das „Lehen“-Versmaß wieder aufnehmend, „Das Eigentum“ mit den nicht weniger markanten Eingangsversen: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen/KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDEN DEN PALÄSTEN.“ Jetzt reicht er im nun schon vertrauten Versmaß „Kassensturz“ nach, der zwar nicht ganz so auffällig beginnt, es aber trotzdem in sich hat, wenn er seine Zeitgenossen von vor 1990 fragt: „Wo ist nun unser Mut? das Aufbegehren?/Ihr zogt zuhauf und ließt die Seele reisen/Und wart das Volk.“ Und selbstkritisch der Schluß: „Was sind wir noch zum Schein, was sind wir schon?/Ein Bettelvolk. Ich sags auch mir zum Hohn.“
Natürlich gibt es auch wieder ein Gedicht über das geliebte „Elbtal“, dieses Mal den Bau der „Waldschlößchenbrücke“ thematisierend. Es gibt Gedichte über Alter und Krankheit. Zartheit steht neben Härte. Und wenn Müdigkeit all das Kämpfen überschwemmt, bleibt wenig Hoffnung für Kommendes. „Wo ist dein Ziel? Kein Ziel. Dann sage den Grund mir./Ich versinke darin. Er ist mir wie Schlamm im Mund.“ Trost findet sich eigentlich nur noch, wenn „diese kleine Hand, die sich in deine schmiegt, zur „Süße des Augenblicks“ gerinnt. Folgerichtig und altersgemäß genehmigt sich Volker Braun einen seltenen privaten Moment, wenn er mit „Das Früchtchen“ ein Enkelgedicht  beisteuert: „Wie ich mich wiedererkenne in dem Kleinen/Anmutig wild auf seinen festen Beinen./Noch keine Scham, noch mit sich selbst im reinen/Und offen will dieselbe Welt ihm scheinen.“
(Zuerst erschienen: SIGNUM, Sommer 2017, 18. Jahrgang, Heft 2)

Das Ausrufezeichen der Nation
Wolf Biermann erzählt sein Leben

Das Ausrufezeichen hinter dem Buchtitel ist vielsagend. November 2016. Große Wolf-Biermann-Festspiele. Achtzigster Geburtstag. 544seitige Autobiographie. Lesungen und Konzerte in ausverkauften Theatern. Politiker aller Couleur flechten ihm Lorbeerkränze. Plötzlich hat es den Anschein, als würde der, der über Jahrzehnte als Spaltpilz für geteilte Meinung gesorgt hat, sich als Hefepilz mit eierkuchenartiger Friedfertigkeit in alle Himmelsrichtungen ausbreiten. Wer immer diese Rezension lesen wird, kann vermutlich Biermanns Lebensdaten singen. Nur so wenig: Biermann, Sohn kommunistischer Eltern, Vater Dagobert in Auschwitz vergast, wird von seiner Mutter Emma 1953 aus Hamburg in das Land der Verheißung, in die noch junge DDR delegiert. Nach Abitur und Studium intensiviert er auf Anregung von Hanns Eisler das Schreiben von Gedichten und Liedern. Aber die Texte sind so scharf, daß Veröffentlichungs- und Auftrittsverbote folgen. Fortan hat er seine kreativste Zeit. „Das macht mich populär“, „Bilanzballade im dreißigsten Jahr“, „Ermutigung“, „Ah-jaa!“, „In China hinter der Mauer“, „Stasi-Ballade“, „Enfant perdu“ und andere Glanzstücke jener Jahre sollen ihm nicht vergessen sein. Die damals Herrschenden fühlen die Grundfeste des Sozialismus wanken und entziehen dem Sänger nach seinem legendären Köln-Konzert am 13. November 1976 die DDR-Staatsbürgerschaft. Seiner Ausbürgerung folgen Proteste nie gesehenen Ausmaßes, viele Intellektuelle solidarisieren sich mit Biermann, nicht wenige verlassen in der Folge den Osten gen Westen. Wenn die Biographie bis dorthin gut lesbar ist, wird es danach einigermaßen ungemütlich. Namentlich listet Biermann auf, wer ihm in „finsteren Zeiten“ die Treue hielt, die Abspenstigen kriegen ihr Fett weg. Nicht auflisten kann er jene Treudummen, und das mögen hunderte gewesen sein, die seine Lieder überspielt auf Tonbänder, abgetippt auf dünnes Durchschlagpapier verbreitet haben, die in keiner Protestresolution auftauchen, weil sie entweder nicht prominent genug, schnell weg vom Fenster oder gar hinter Gittern waren. Und wenn Biermann den Fokus mehrmals auf Dresden richtet, indem er die Geschichten von Siegmar Faust und Volker Böricke erzählt, dann nur deshalb, weil er sich mit den zwei „Fällen“ schmücken, den Genannten dank seiner Prominenz helfen kann, Ereignisse von außerordentlicher Seltenheit. 
Je entfernter die DDR-Jahre und je näher 1989, umso mehr wurmt ihn, am politischen Niedergang nicht beteiligt zu sein. Auch wegen des ihm inzwischen entgegen gewachsenen Mißbehagens entwickelt sein Beleidigtsein leberwurstartige Zustände. Was ihm bleibt, ist eine Beobachterrolle am Rand. Zur Demonstration am 04. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz wird er zwar eingeladen, am Grenzübergang Friedrichstraße aber abgewiesen. Er sieht und hört die Reden am Fernseher. In völliger Verkennung der Bedeutung, seiner und des Ereignisses, regt ihn am meisten auf, daß nicht einer der Redner die Weggegangenen erwähnt. Aber am 04. November ging es nicht um sie, sondern um die Dagebliebenen. Völlig richtig konstatiert er: „Ich gehörte nicht mehr dazu.“ Dafür darf er am 01. Dezember 1989 offiziell in die DDR „einreisen“ und bei einem Konzert in Leipzig gegen die „verdorbenen Greise“ vom Leder ziehen. Aber daß er 27./28. Januar 1990 zwei Konzerte im Physikhörsaal der TU Dresden gab, erwähnt er nicht. Vielleicht sind ihm, der heute alles andere als politisch „links“ steht, die damaligen Umstände peinlich? Lag doch die Organisation in den Händen der „Vereinigten Linken“ und die Einnahmen kamen ihren Aktivitäten zugute. Schließlich gehört Biermann im September 1990 zu den Besetzern der Berliner Stasi-Zentrale und sieht als einer der Ersten in seine Akten. Jetzt erst ist er wirklich in seinem Element und singt eine Stasi-Ballade nach der anderen. Über fünfzig Ordner mit zwanzigtausend Blatt sind zu sichten. Siebzig Spitzel zählt er, später wird ihm von der zuständigen Behörde bestätigt, daß „weit über zweihundert Spitzel“ über ihn berichtet haben. Immerhin gehört jenen, die, wie er selbst, einer Anwerbung durch die Staatssicherheit widerstanden oder die nach einer Verpflichtungserklärung wieder ausstiegen, seine Wertschätzung. Bloß brauchen sie diese?
Diese Autobiographie über ein Leben, das um vielerlei „runde Ecken“ lief, liest sich flott, weil sie gut geschrieben ist. Abstriche: Zu oft wird wiederholt, daß er „nicht zu weit, sondern viel zu weit zu weit“ gegangen sei. Zu viele Superlative in eigener Sache. Zu oft Herabwürdigungen. Stefan Heym ist „etwas mutig und viel zu feige“. Die Friedensbewegung ist „Friedenspack“. Hans-Christian Ströbele wird zum „grüngetünchten Tartuffe“. Adolf Endler schreibt „Blödel-Lyrik“. Karl Mickel ist ein  „Kraft-durch-Schwäche-Poet und Zwergenriese“. Und Sascha Anderson ist sowieso ein „Arschloch“. In den letzten dreißig Jahren sind Biermann vielzählige Ehrungen zuteil geworden. Die literarischen stehen ihm gut zu Gesicht, die politischen hätte er in seinem früheren Leben mit Hohn zurückgewiesen. Schon 1965 dichtete Biermann: „Küßt mich, bestecht mich, liebt mich heiß/Greift tief in eure Tasche/Gebt mir den Nationalpreis – und/Versteht sich: Erster Klasse!“ Diese frech-ironische Forderung geht 1998 in Erfüllung, er bekommt den „Deutschen Nationalpreis“.  Dieser Mann ist ein einziges Ausrufezeichen, das vor uns steht wie ein belehrender Zeigefinger, seinem wichtigstes Instrument, abgesehen von der Gitarre, dem besten Stück.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin 02/2017)


Alltagsnotizen als Lebensroman
Karl-Markus Gauß kultiviert das Genre des Journals

Seit Jahren versucht Karl-Markus Gauß, 1954 in Salzburg geboren, den über ihn angelegten Wikipedia-Eintrag, der ihn „als publizistischen Herold der europäischen Ost-Erweiterung rühmt“, zu korrigieren. Er sieht sich als „verdienstvollen Vermittler der osteuropäischen Literatur überschätzt“. Vergebens. Der „Lexikon-Artikel zeigt sich beharrlich resistent“. Es darf vermutet werden, daß der Autor einiges dafür getan hat, diesen Eindruck entstehen zu lassen. Mehrfach suchte er die "sterbenden" Europäer auch im Osten auf, schrieb über die "Hundeesser von Svinia", berichtete von der menschenunwürdigen Existenz osteuropäischer Sinti und Roma. Zudem ist er seit 1991 Herausgeber und Chefredakteur der im Salzburger Otto Müller Verlag erscheinenden Zeitschrift „Literatur und Kritik“, die bekanntermaßen so manchen literarischen Schatz mit Blick über den östlichen Tellerrand Österreichs gehoben hat. Andererseits wissen seine Leser längst um die Vielseitigkeit von Karl-Markus Gauß. Sein Name steht vor allem für exzellente Essayistik und Kritik, mittlerweile hat er es in 30 Jahren auf etwa 2000 Artikel u.a. in "Die Zeit", "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Neue Zürcher Zeitung" gebracht. Aber das von ihm bevorzugte Genre ist das „Journal“, weder Tagebuch noch Chronik, vielmehr über ein oder zwei Jahre gesammelte Skizzen, Anekdoten, Lektürefrüchte, Begegnungen und Begebenheiten; Jahresbilanzen vom „Alltag der Welt“, wie er folgerichtig sein jüngstes Journal nennt, Notizen, die sich zum Lebensroman ausweiten. Gauß berichtet nicht chronologisch, weil ihm dieser Rahmen zu eng wäre, sich „Erfahrungen und Erinnerungen“ in die Aufzeichnungen drängen, die „zwanzig oder fünfzig Jahre“ zurückreichen. Vielmehr zielt er auf Themenkomplexe, die es annähernd vermögen, seine Gedankenprosa zu bündeln.
Zwischenüberschriften besagen, es geht u.a. um „Himmel und Hölle in der Literatur“, „Die Aura der Fälschung“ und „Die ungeschriebenen Bücher“. Erzählt wird über Peter Mitterhofer, der 1866 im Südtiroler Partschins die Schreibmaschine erfand, aber als deren Erfinder gilt ein Amerikaner, weil Mitterhofer von Kaiser Franz Joseph verlacht und abgewiesen wurde. Von einem 84jährigen wird erzählt, der, um sein unveröffentlichtes, schriftstellerisches Lebenswerk, „37 Kilogramm Papier“, vergessen zu können, es Gauß überläßt. Das gemeinsame Essen mit Georg Kreisler nimmt einen katastrophalen Ausgang. Auch der sechs Geliebten von Hermann Broch wird gedacht. Überhaupt gehört Büchern und ihren Autoren die Hauptrolle. Es ist erhellend und unterhaltsam, wie Gauß Leben und Werk bekannter (z.B. Stefan Zweig, Ingeborg Bachmann, Konstantinos Kavafis) oder weniger bekannter Schriftsteller (z.B. Memo Anjel, Juan Goytsolo, Sait Faik) beleuchtet.
Das Journal beginnt Mai 2011, als dem Autor ein Orthopäd verkündet, daß er infolge Halsstarrigkeit fortan nur noch „nach vorne blicken“ wird. Geschlossen wird es Mai 2013, der Autor löscht im E-Mail-Eingang 157 von ihm noch nicht beantwortete Nachrichten und fragt sich: „Was ist das für ein Buch, mit dem ich fast zu Ende gekommen bin?“ Frei nach Kafka gibt er sich die Antwort selbst: „Ich schreibe, um mir etwas von der Welt ins Ich zu bergen und etwas von mir in die Welt zu retten.“ Dann fragt er: „Warum aber schreibt man?“, und antwortet: „Ich weiß es nicht.“ Wir Leser aber wissen, warum Gauß schreibt, nämlich um uns am Alltag seiner Welt teilhaben zu lassen. Es darf resümiert werden, einmal mehr ist das dem Salzburger Gauß prächtig gelungen.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 05/2016)


„Rollenmodell eines Dichters“
Uwe Kolbe demontiert Bertolt Brecht

Daß Uwe Kolbe, nächstes Jahr 60, nicht nur als der hineingeborene Lyriker schlechthin, sondern auch als stilistisch vorzüglicher Essayist gilt, bestätigte 2012 die Berliner Akademie der Künste, als sie ihm ihren Preis für Essayistik, den Heinrich-Mann-Preis, verlieh. Jetzt arbeitet sich Kolbe an Bertolt Brecht ab, analysiert seine politische Wirkung, interpretiert Gedichte und Poetik, begibt sich in ein fiktives Gespräch. „Diese Rede ist die ... eines von Brecht Betroffenen.“ Obwohl der so betroffene Kolbe provokant und unkonventionell wie beinahe immer ist, bleibt er nicht selten unter seinem Niveau. Verbalattacken und Vokabular lassen mitunter aufhorchen, haben einen merkwürdigen Beigeschmack. Da heißt es, Brecht sei „ein Lügner, er „saß in der Falle der Ideologie“, habe Einverständnis geheuchelt, um seine Vorstellungen von einem neuen Theater umsetzen zu können. Auf die Frage, ob die DDR auch ohne Brecht 40 Jahre Bestand gehabt hätte, lautet Kolbes Antwort auf einen einfachen Nenner gebracht: Vor allem oder gar einzig und allein Brecht habe mit seinem politischen Bekenntnis zur DDR als Legitimation für die „ostdeutsche Intelligenzija“ und ihren nahezu blinden Durchhaltewillen gegolten, was heißt, ohne Brecht wäre die DDR wesentlich eher zusammengekracht. Entsprechend abfällig äußert sich Kolbe, wenn er auf die von ihm ausgewählten Brecht-Epigonen zu sprechen kommt. Zu Volker Braun: „mit seiner gehobenen Sklavensprache“. Zu Wolf Biermann: „Sie, großer Wolf mit dem Proletkult-Schnauzbart, haben noch immer eine Hintertür in Ihrem Bühnengebiss“. Zu Heiner Müller: „... der Ex-Hitlerjunge“. Zu Thomas Brasch: „Die mit der Dichterhaltung nach Brechts Art jedenfalls begaben sich nicht wirklich in Gefahr und sie lebten oder leben gut bis ans Ende ihrer Tage.“ Teile des Kolbe-Textes erwecken den Anschein, als träte hier einer kräftig nach, der der Propaganda um Brecht auf den Leim gegangen ist und den auch bißchen der Neid zwickt, weil Texte der „Brecht-Epigonen“ bekannter geworden sind als seine eigenen. Auf den Stacheldraht der Berliner Mauer bezogen, bekennt der Essayist mit dem Griff an die eigene Nase: „selbst dieser nach-nachgeborene Kolbe noch, der klimperte irgendwie auf dem Draht und fand sein Schlupfloch“. Nach angestrengtem „Durchhaltewillen“ verlegte Kolbe 1988 seinen Wohnort von Berlin nach Hamburg. Bereits ein Jahr später folgte ihm die ganze DDR nach. Hätte Uwe Kolbe die Annahme des erwähnten Heinrich-Mann-Preises verweigern müssen? Immerhin stellt ihn dieser in eine Reihe mit Vorgängern wie Dieter Noll und Hermann Kant sowie mit Heiner Müller und Volker Braun, von denen er sich in seinem Brecht-Essay mit Schaum vor dem Mund distanziert. Was bleibt? Ein Groß-Essay, der zur Widerrede herausfordert, der mit Sätzen gespickt ist, die, wer ihnen zu nahe tritt, reagieren, wie ein im Wald zertretener Bovist.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 11/2015)



Skurril bis melancholisch
Neue Gedichte von Kito Lorenc

Seit 2011 gibt es die "Reihe Neue Lyrik". Dieses lobenswerte Unternehmen wird gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und im Leipziger Verlag "poetenladen" zu feinen Hardcoverausgaben veredelt. Jedes Jahr erscheinen zwei Bände. Zum unumstößlichen Prinzip gehört, die Autoren müssen Sachsen oder mit dem Bundesland durch Geburt, respektive langanhaltende Aufenthalte eng verbunden sein. Eine weitere Regel ist, daß sich im Editionsplan lyrischer Debütant und "gestandener" Poet jeweils abwechseln. Beim Debüt läßt sich schlecht mauscheln, vor einem ersten Buch gibt es kein noch "ersteres". Aber was und wer ist "gestanden"? Vielleicht Kerstin Hensel? Als sich ihr Titel "Das gefallene Fest" 2012 in die Reihe einfügte, konnte sie immerhin dutzendweise Publikationen vorweisen und somit als hinlänglich bekannte Autorin gelten. Aber die "gestandenen" Reihenautoren Anne Dorn, Uwe Hübner und Roland Erb dürften den meisten Lesern wie Debütanten vorgekommen sein. Gleichwie. Jetzt endlich mit Band 8 gelingt den Herausgebern ein wirklicher Coup, erscheint mit Kito Lorenc ein wirklich großartiger Dichter, der hierzulande nicht einmal mehr vorgestellt werden muß. Auch wenn er 1938 als Christoph Lorenz in Slepo geboren wurde und sich seit Jahrzehnten in Wuježk am Fuß vom Čornobóh versteckt, wurde er jüngst als Kito Lorenc mit Sachsens Lessingpreis, Ehrendoktorwürde der TU Dresden, Schlüssel von Smedereva, Petrarca-Preis, dem 75. Geburtstag und dank Fürsprache von Peter Handke mit einer Gedichtauswahl in der Bibliothek Suhrkamp geehrt. Gleich ob er obersorbisch oder niedersorbisch, wendisch oder sächsisch dichtet, zum Glück bewegt er sich nicht in Richtung "Heimatdichter", vielmehr kreiert er eine Art Lausitzer Dadaismus mit gelegentlichem Hang zur Konkreten Poesie. Schon das dem Band vorangestellte Motto gerät zum poetologischen Glaubensbekenntnis: "Das Leben zwischen Eros und Erosion nutzen für Gedichte, die auf Potjomkinsche Städte und Böhmische Dörfer wirken müssen wie Wind, Wasser, Eis: abträglich". Deutlicher wird Kito Lorenc in seinem Statement "statt eines Vorworts". Am Beispiel seines Dreizeilers "Schlawakischer Zipfel" mahnt er den korrekten Umgang mit slawischen Sprachen in Aussprache und Schriftbild an, zugleich wissend, daß das trotz eines sorbischen Ministerpräsidenten nicht zu gewärtigen sein wird. Dann ruft er sich selbst zu: "Du aber schreibe nicht mehr/als dir einfällt" und reiht eine Gedichtperle an die andere. Was Kito Lorenc zu Versen werden läßt, ist derart gegen den Strich gekämmt, daß "Blaubeerkämme erblauen,/
Läusekämme vergrauen". Von skurril bis melancholisch spannt sich die Weite über neunzig Gedichtseiten, bis der Dichter mit zwinkerndem Ernst und grauem Star seine "Meise" begrüßt, die an die "Scheibe" pickt: "wo warst du so lange/dass du jetzt erst dich zeigst/Oder war ich selber/dauernd weg vom Fenster?" Auch die eingestreuten "Schmungks", was "Schmadderunks" sind, sächsisch ist, Zusammengekochtes, also Aphorismen sowie allerlei Fundstücke meint, erweisen sich als Glanzpunkte und zeigen, um welche Ecken ein Dichter denken kann. Beispiel? "Kein Kunststück. Der Welt untern Rock sehen, wenn sie kopfsteht." Und noch eins? "Tusch. Nehmen Sie die Sixtinische Kapelle, nie wird sie einen ordentlichen Tusch blasen." Wer tatsächlich gedacht hat, Kito Lorenc sei längst "weg vom Fenster", sieht sich auf das herrlichste getäuscht.
(Erschienen in: „Sächsische Zeitung“ 06./07.06.2015)




Lyrikschwemme. Fünf Gedichtbände

Das Verdikt von Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1949 ist hinlänglich bekannt: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Trotzdem wurden weiter Gedichte geschrieben. Zum Glück. Auch Sprüche wurden seither viele geklopft, die Marginalisierung der Poesie oder gar das Verschwinden der Literatur und damit das der gedruckten Bücher prophezeit. Nun gibt es ein weiteres Verdikt, mit dem der Suhrkamp Verlag den 2014 erschienenen Gedichtband "Graphit" des in Dresden lebenden Marcel Beyer bewirbt. Dort heißt es: "Solche Mehrstimmigkeit ist für Marcel Beyer das einzig wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und das Reden darüber." Das ist starker Tobak. Und alle lesen darüber hinweg. Auch die Jury des Bremer Literaturpreises, den Beyer für "Graphit" bekommen hat, schweigt dazu. Natürlich äußert sich der über allen irdischen Dingen schwebende Autor dazu auch nicht. Was also wird bezweckt? Das weiß keiner. Lesen wir in einige aktuelle Gedichtbände hinein, um vielleicht zu entdecken, welche davon "fanatisch" oder gar "faschistisch" sind.
Patrick Beck, 1975 in Zwickau geboren, wohnt in Dresden und skelettiert Momente. Die finden oft irgendwo "oben" und am Horizont statt oder lösen sich auf, wenn nicht in Luft, dann in Wasser. Diese Skelettierung schafft keine Gedichte, bestenfalls prosaische Gähnschnipsel mit lyrisierten Spurenelementen. Zelebriert wird ein gewollt lyrischer Blick auf die Welt, auf ebenso natürliche wie alltägliche Dinge. "Der Schalter hat zwei Stellungen. Liegt er rechts, leuchtet/das Licht, liegt er links, ist es aus. Ich drehe ihn langsam,/an, aus, an, aus. Ich finde den Punkt zwischen links und/rechts. Der Schalter knistert. Das Licht flackert." Der Schalter ist das Einzige, was hier für Knistern und Flackern sorgt. Bedenkt man es recht, ist das Nichts, was beim Platzen von Seifenblasen entsteht, gehaltvoller als diese Texte. Einmal heißt es: "Das Nichts gelang nicht." Selten hat ein gewollter Autor sein Werk treffender beschrieben. Im Beyerschen Sinne sind die Beckschen Produkte vielleicht etwas "monolithisch", aber "chauvinistisch" sind sie nicht.
Tom Schulz, 1970 in Großröhrsdorf geboren, wohnt in Berlin und möchte Lichtveränderung schaffen. Sein Verlag nennt ihn "Romantiker", der sich "Emphase" gestattet. Aber das Einzige, was Schulz schafft, ist, für unüberlesbare Merkwürdigkeiten und überstrapazierte Binnenreimerei zu sorgen. Da sich hierbei sowieso kaum Zusammenhänge ergeben, darf auch aus Herzenslust aus dem Zusammenhang zitiert werden. Die Merkwürdigkeiten sind in etwa von dieser Denkungsart: "Ich lerne jeden Tag das Schwirren./Bewaldet sein will ich mit Äpfeln aus deiner Brust./Wir wurden Liegenschaften./Das Brötchen im Pralinenmantel./Seltsamerweise haftete Gaumentalg an den feinen Härchen der Savanne./Die Harfe spielenden Brüste./Bin ich in karamellisierten Wogen." Und die Binnenreime gehen ungefähr so: "kamen Raben, was haben sie getan?/das Feld bestellt. Ich werfe ihnen Geld nach/Belong und Belang. Nimm die Concorde. Nach dem Überschwang./drinnen tagten Dirnen. Birnen faulten./Der Schnaps und der Raps." Schulz verdient seine Brötchen u.a. als Dozent für "Kreatives Schreiben", heißt es im Klappentext. Ob "Kreatürliches Schreiben" gemeint ist? Mit wenigen Ausnahmen sind alle Schulz-Gedichte zu lang, verbrauchen zu viele Wörter, was das Nichtssagende noch nichtssagender erscheinen läßt. An einer Stelle heißt es, "schmeiß den verkrusteten Schlamm deiner Stirnhöhle auf die Straße!" Ja, auch wir möchten das dem Sproß aus der Dichterhochburg emphatisch an sein romantisches Herz legen. Mag sein, dessen Gebilden haftet ein etwas fader Beigeschmack an, aber ein "fanatischer" laut der Beyerschen Devise keinesfalls.
Volker Sielaff, 1966 in Großröhrsdorf geboren, wohnt in Dresden und hantiert mit Verzeichnissen. Damit liegt nun auch das dritte Buch des bekannten Kulturjournalisten vor. Spielend kann der Leser dieser Gedichte ein Verzeichnis derjenigen anlegen, denen Sielaff huldigt oder deren Namen er benutzt. Eine ganze Abteilung ist diversen Malern gewidmet. Durch viele Verse spuken Dichter und Philosophen. Das Titelgedicht spielt gar auf den Dichterfürsten an: "Bietet die Goethe nicht den Bau". Das klingt raffiniert, weil natürlich jeder Leser, auch jede Leserin, bisher dachte, Goethe sei männlich gewesen. Oder meint Sielaff hier das Schaufelradschiff, das als "die Goethe" den Rhein beschifft? Das bleibt unklar. Andere Irritationen folgen, bei denen verschwimmt, ob sie Poetologie oder Nachlässigkeit sind. "Kie lowski" statt Kieślowski oder "auf deinen Hinter nähen" statt Hintern. Gewaltig ist "ihre Brüste sind ein bebendes Viereck", aber Karl Mickels "viereckige Mösen" waren gewaltiger. Beinahe liebenswert kommen die Reimversuche daher, weil sie als Novum im Sielaffschen Werk ebenso unbedarft wie unbeholfen sind. "Ich liebte sehr mich an es zu verschwenden/Was brannten wir und das: an beiden Enden". Wenn Sielaff aber ganz bei sich ist, auf die verführerische Hilfe großer Namen verzichtet, dann gelingt ihm plötzlich solch leichtes Gebilde wie "Die Schönheit des Waldes meiner Kindheit", in dem der Bruder beim Pilzesammeln im sowjetischen Raketensperrgebiet verhaftet wird oder das "Mädchen aus der Dorfdisko" etwas verkündet und die Dorfburschen noch nicht wissen was. Sielaffs Gedichte finden sich nicht nur in aller einflußreichsten Anthologien und in vielfachsten Übersetzungen wieder, auch bedachte ihn der MDR kürzlich "mit großen Verdiensten in der Nachdichtung" weil er eine Handvoll Gedichte aus dem Polnischen und Taiwanesischen übertragen hat. So werden Enten zu Legenden und Mücken zu Elefanten. Aber von "faschistisch" nach Beyerschem Verdikt keine Spur.

Thilo Krause, 1977 in Dresden geboren, wohnt in Zürich und will die Dinge ganz lassen. Vor allem läßt er die Dinge an ihrem Platz, hievt sie nicht in einen verkünstelten Dichterhimmel, riegelt sein Sprechen nicht ab, sagt einfach, was er zu sagen hat. Wie im sechsteiligen Titelgedicht, das zu den Höhepunkten gezählt werden darf: "An der Grenze zum Schlaf/begann es zu regnen./Ich strich über dein Haar/das feucht war und kühl./Jeder Tropfen/fiel senkrecht durchs Haus./Ich schlief ein/im schmucklosen Innern des Regens." Selbst das Schwierige, nämlich seinen eigenen Kindern ein paar Verse zu widmen, meistert er mit Leichtigkeit: "Es gewittert und ich trage dich/von Zimmer zu Zimmer./So viel Gewalt/für deine blasse Stirn./In den Türritzen singt der Wind./Ich singe, wie um der Stille willen/wie um Platz zu schaffen/zwischen den Dingen". Von geradezu schmerzlicher Einfachheit und Schönheit ist sein Gedicht über das Zürcher Grabmal von James Joyce, wenn es heißt: "Alle Nächte/wird ihm die Brille blind/vom Tau./So sieht er/die Amsel nicht/ihren Schatten über die Gräber tragen/.../Bald macht sich die Amsel davon./Hinter ihr rastet die Luft ein/wie eine Tür." Es ist erst Thilo Krauses zweites Buch. Aber er spricht darin wie ein lange schon gewachsener Dichter. Mag sein, Krauses Gedichte muten seinen dichtenden Generationsgefährten etwas konventionell an, aber "monolithisch" gemäß Beyer sind sie niemals.

Schließlich das dreißigste "Jahrbuch der Lyrik". Die Jubiläumsausgabe enttäuscht beinahe auf der ganzen Linie. Daß Herausgeber und Begründer des Jahrbuches, Christoph Buchwald, den Kontakt zur und das Wissen um die deutschsprachige Lyrik verloren hat, seit er in Amsterdam lebt, ist vorstellbar. Und daß seine Mitherausgeberin, Nora Gomringer, als ursprüngliche Slam-Meisterin, ihren Vorlieben frönt, verwundert ebenso wenig. Daß aber in hohem Maße Verwechselbarkeit, Pointenarmut und Inhaltsleere dominieren, verblüfft dann doch. Präsentiert werden 124 Autorinnen und Autoren. Das Altersspektrum reicht vom Geburtsjahr 1925 bis hin zu 1994 und staffelt sich wie folgt. Aus dem 1920er Jahrzehnt - 1 Dichterin, 1930er - 5, 1940er - 9, 1950er - 18, 1960er - 38, 1970er - 31, 1980er - 18 und 1990er - 4. Davon konnten 57 als weiblich und 65 als männlich identifiziert werden, ganz zeitgemäß treten 2 als zwitterhaftes Neutrum auf. Die lesbarsten Gedichte finden sich dort, wo lebende oder verstorbene Dichterkollegen besungen werden. "In memoriam" heißt es auf Seite fünf, gedacht wird der Toten Dichter Jean Krier und Rolf Haufs. Weshalb aber erinnern die Herausgeber nicht auch an Sarah Kirsch und Elisabeth Borchers oder an Werner Laubscher und Helga M. Novak, die im selben Zeitraum verstummten. Ignorante Gedanken- oder arrogante Pietätlosigkeit? Wes Geistes Kind die Herausgeber sind zeigen sie mit einem "Gedicht" Ulrich Holbeins, das den Hauptteil des "Jahrbuches" beschließt, somit als Quintessenz dieses Jahrgangs und als ein Kredo gelesen werden kann. Holbein, 1953 in Erfurt geboren, aufgewachsen in Kaiserslautern und Kassel, verkrachte Schriftstellerexistenz par excellence, zieht mit seinem "Gedicht" die, wie er sie nennt, "Reimlyriker" durch den Kakao, wobei in unangenehmer Weise Diffamierung vor Belustigung rangiert. Gryphius, Liliencron und Hoddis, Rilke, Rühmkorf, Gernhardt, Huchel, Söllner und Grünbein bekommen ihr Fett weg und werden zusammen mit "dem frühen Adolf Hitler" zu einem Brei verquirlt. Allein fünfmal wird über Wulf Kirsten hergezogen, was schon allein deshalb unstimmig ist, weil Kirsten kaum Reime verwendet. Wenn die  Herausgeber ihre Anthologie mit solch einem Text krönen, diskreditieren sie nicht nur alle von ihnen ausgewählten Lyriker, sondern auch ihre eigene Arbeit. Plötzlich wird vorstellbar, wie eine rasch um sich greifende Respektlosigkeit, die jeglicher Ethik und Moral entbehrt, im "täglichen Faschismus" (Reinhard Lettau) münden kann. Dann hätte also das vom Suhrkamp Verlag für Marcel Beyer erfundene Verdikt vom "monolithischen, fanatischen, faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie" doch seine Berechtigung? Und noch eine Frage: Haben wir eine Lyrikschwemme? Wenn ja, erfreut diese den leidenschaftlichen Leser weniger, als den leidenschaftlichen Pilzsammler eine Pilzschwemme freut.
(Erschienen in: "SIGNUM - Blätter für Literatur und Kritik", 17. Jahrgang, Heft 1, Winter 2016)


"Ich wollte den Suhrkamp des Ostens"
Autobiografie von Elmar Faber

Zwar wird schon auf Seite 35 dieses autobiographischen Berichts der Aufbau-Verlag das erste mal erwähnt, aber erst auf Seite 184 kommt der Autor als Verleger in der Berliner Französischen Str. 32 an. Die Rede ist von Elmar Faber, Aufbau-Chef von 1983 bis 1991, der jetzt die Erinnerungen an sein "Verlegerleben" vorlegt. 1934 in Deesbach/Thüringen geboren, dort selbst Dorfschulbesuch, ab Klasse Fünf Wechsel an die Friedrich-Fröbel-Oberschule in Oberweißbach, Ausbildung zum Postbeamten in Saalfeld, Abitur an der Arbeiter- und-Bauern-Fakultät Jena, Germanistikstudium an der Universität Leipzig, wo er noch Vorlesungen im berühmten Hörsaal 40 bei Ernst Bloch und Hans Mayer hört, bevor beide ihrer Lehrtätigkeit enthoben werden und die DDR verlassen. Detailgenau und mit viel Zeitkolorit versehen, beschreibt Elmar Faber, wie er nach 1945 die Liedzeile "Du hast ja ein Ziel vor den Augen" beim Wort nahm und einen Bildungsweg einschlug, der ihn so zu sagen von unten, aus einem "Glasbläser- und Waldarbeiterdorf", hinauf in die intellektuelle DDR-Elite katapultierte. Über die Stufen Redakteur einer wissenschaftlichen Zeitschrift, Verlagsassistent am Bibliographischen Institut und Programmchef beim Export- und Devisenverlag EDITION LEIPZIG ging es aus der Messemetropole in die Hauptstadt, um als Verlagsleiter von Aufbau ganz große Geschichte zu schreiben. "Aufbau war kein Königreich. Es war eine Weltrepublik ... mich reizte ein solcher Koloß". 200 Mitarbeiter, 350 Bücher jährlich, 30 Millionen Netto-Jahresumsatz. Der Slogan ist schnell gefunden: An jedem Tag ein neues Buch. Und immer wieder die Kämpfe damaliger Zeit: Papierkontingente, gestalterische Qualität, Plusauflagen, Lizenzgeschäfte, Zensur. Autoren wie Uwe Johnson, Peter Huchel, Wolfgang Hilbig oder Günter Grass erscheinen zu spät oder nie. Christa Wolfs "Kassandra"-Vorlesung wird beschnitten, Christoph Heins "Horns Ende" am Zensor vorbei geschmuggelt, Erwin Strittmatters "Laden"-Trilogie zum Auflagenbestseller, eine Anthologie hineingeborener Autoren verhindert, statt ihrer für den subkulturellen Prenzlauer Berg "Außer der Reihe" erfunden. "Junge Autoren mit sonderbaren Manieren und eigenwilligen Bekleidungen bestürmten mich". Als Fabers Lieblingswörter fallen "nobel" und "Noblesse" auf, andererseits ist er sich nicht zu fein, kräftige Ausdrücke zu gebrauchen. "... aus den Latschen kippen ... die alte Scheiße der Bevormundung ... furztrockene Arbeiten ... zum Kotzen." Beeindruckend fair bleibt Faber, als er vom Verlust seines Imperiums an den Frankfurter Immobilienmakler Bernd F. Lunkewitz berichtet. Beinahe augenzwinkernd resümiert er: "Ich wollte ... den Suhrkamp des Ostens, der Aufbau war. Lunkewitz wollte eine literarische Parfümfabrik, für alle etwas, mit schnellem Erfolg und vergänglichen Duftnoten." Januar 1990 gründet Faber noch den "Aufbau Taschenbuch Verlag", im September schon seinen eigenen Verlag "Faber & Faber", die unfreiwillige Rückkehr nach Leipzig ist beschlossene Sache: "Aus dem Paradies, für das ich das Verlegerleben hielt, ließ ich mich nicht vertreiben."
Wie Elmar Faber Geschichte und Geschichten erzählt, das hat Stil, Verve, Leidenschaft und, jawohl, auch Poesie, was einer Verlegerschreibe selten eigen ist. Ob eindrückliche Erinnerungen an thüringische Heimat, letzte Kriegs- und erste Nachkriegsjahre oder sein Weg in die Welt der Bücher, immer ist da ein ganz eigener Ton, nicht frei von besitzanzeigenden Eitelkeiten ("mein Autor", "mein Verlag"), aber liebenswert eigensinnig, nicht ohne Hang zur Rechtfertigung, aber gentlemanlike bis zum Scheitel.
(Erschienen in: "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 10/2014)


Durchwachsene Fingerübungen
Neue Gedichte von Jan Wagner


Ein kleines Gedicht von nur sechs Zeilen fällt aus dem Rahmen. "der zehnte weiße friedhof/an einem jener hänge/ist ein ensemble/von bienenkästen: sammelt/den honig, fleißige tierchen,/winzige tote." Mit "Sarajewo" betitelt, erinnert es an den Balkankrieg. Ansonsten hält sich der Lyriker Jan Wagner, 1971 in Berlin geboren, zumeist politisch vornehm zurück. Das hat ihm viele Preise eingebracht, zuletzt Hölderlin-Preis, Villa-Massimo-Stipendium, Kranichsteiner Literaturpreis und Paul Scheerbart-Preis der Rowohlt-Stiftung. Nach Gedichtbänden wie "Probebohrung im Himmel" und "Australien" erscheinen seine neuen Gedichte gleich einer Zurücknahme. Der Leser gewinnt den Eindruck, als sei ein Marsmensch auf die Erde gefallen und berichtete nun seinen Mitmarsmenschen in poetisch aufgeladener Form über die irdische Fauna und Flora: Giersch, Pferd, Tümmler, Silberdistel, Blutbuche, Esel, Koala, Mücken. Oder, als fordere im Schreibkurs der Poesielehrer die Schüler auf, ein Gedicht über Laken, Servietten, einen Nagel, Tennisbälle, Zäune, Tassen und Seife zu schreiben. Jan Wagner erfüllt die Aufgaben mit Bravour. Gekonnte Fingerübungen. Aber wozu? Um Artenschutz geht es ihm nicht unbedingt, wenn es über die Kaimanjagd genüßlich heißt: "nimm jetzt/du die flinte. ziele genau" oder wenn ein Elch ausradiert wird: "der warme doppellauf wie eine schlag-/ader in meiner faust". Wagner fährt sehr nah an die Objekte seiner Begierde heran, um alten Bekannten noch etwas Überraschendes abzuringen. Am besten gelingt das, wenn damit autobiografisches Erinnern verbunden wird. Tante Mia, die sich ein Weidenkätzchen in die Nase steckt, Annas Hasenscharte, ihr "kratermund", der Sturz als Kind in den Brunnen, vergebliche Versuche des stümpernder Etüdenspielers, Schubert und Schumann auseinander zu halten, der forschende Blick in die Regentonne. Sehr stimmig ist ein Volker Braun gewidmetes Gedicht, in dem das weit verbreitete Fuchsschwanzgewächs Melde mit dem Dichter gleichsam personifiziert wird: "blüht bescheiden ... solidarisch mit dem schutt ... liebt das malade, das brüchige: ihr staat ist überall ... von jenseits des rostigen hammerkrans ruft es ... meldet beharrlich, ungehorsamst, die melde." Zum Durchatmen gibt es ein paar wenige Gedichte, die nicht in der Botanisiertrommel vorgekeimt wurden. Allen voran "die bibliotheken": "ein einziges regal/von murmelnden, von angehimmelten,/verworfenen". Merkwürdigkeiten zeigen sich in der Formgebung. Sehr oft praktiziert Wagner Worttrennungen als Zeilenbrüche, eine Silbe noch in jenem Vers, die andere im nächsten. Außer daß die Methode ab und an einen Reim erzwingt, dient sie ansonsten selbstverliebter Manieriertheit. Hinzu kommen unsaubere Reime und angedeutete Sonette, als fehle dem Autor der Mumm, seine Gedichte formbewußt zu vollenden. Ein aus schönen Haiku gebautes Gedicht, der treffliche "kentaurenblues", die auf nur zwei Reimpaaren fußenden "maulbeeren" stehen dagegen auf verlorenem Posten. Es darf eine durchwachse Lektüre konstatiert werden.
(Erschienen in "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 11/2014)


Herzerfrischend junges Alterswerk
60 neue Gedichte vom „erdenbürger“ Wulf Kirsten


Nachdem Wulf Kirsten, geboren in Klipphausen bei Meißen, 50 Jahre hoch dotierte Dichtkunst betrieben hatte, wurde 2004 einem seiner Gedichtbände das allererste Mal ein Lesebändchen zuteil, es war grün und befand sich im über 400-Seiten-Buch „erdlebenbilder“, herausgebracht von dem inzwischen im Ruhestand weilenden Ammann Verlag zum 70. Geburtstag des Lyrikers. Jetzt ist Wulf Kirsten der Verlagswechsel derart gut gelungen, daß er zu seiner eigenen Überraschung und der seiner Leser ein Buch vorlegen kann mit 60 nagelneuen Gedichten und neuerlichem, dieses Mal blauem Lesebändchen. Wer diesen Versen abliest, Kirsten sei sich treu geblieben, trifft nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte zeigt einen Dichter, der sich neu erfunden hat. Einerseits ist da der gewohnte Landschafter, der unbeirrt pirscht durch Mulm, Dörnicht und „sömmerisch bewachsne gründe“, der unverdrossen stromert über „verstrauchte“ oder „abdächige wiesen“, über „staubichte schluchtwiesen“ oder „waldumfangene wiesenpläne“. Andererseits, und das ist neu, münden die Landschaftsworte, die eingesammelten, aufgehobenen  Wörter öfter und kräftiger als früher in heiligen Zorn. Nicht nur wohl gesetzte Metaphern als Huldigungen der Vergänglichkeit werden dargebracht, sondern auch herzhafte Schimpfkanonaden auf zeitgenössische Unsitten abgefeuert. Beißender Spott richtet sich gegen kommunale Vandalen: „kanalräumerlehre abgebrochen wegen geistiger überanstrengung … von einer veritablen ausdrucksarmut geschlagen“ und gegen Geschichtsneurotiker: „Napolensyndrom freigestellt/minderwertigkeitskomplexe kompensiert/mit dem größenwahn von maulhelden“. Sogar die Kanzlerin bekommt ihren Vers weg: „einmalig diese verlegenheits-/geste, wie sie ihre mundwinkel/so unnachahmlich gekonnt/nach unten zu korrigieren versteht“. All das gipfelt in dem Gedicht „tirade“, das zwar E.T.A. Hoffmann und Bamberg zugeschrieben ist, aber auch den Autor selbst in wohlbekannt anderer Kleinstadt einbezieht: „nichtswürdig eingeschachtelt, marterjahre/unter hundsföttischen lakaien, abgöttisch/verachtet, hofnarr in einem schmierentheater“. Überhaupt nimmt Weimar beträchtlichen Raum ein, als „stadt im kessel“ taucht sie auf mit ihren Verwerfungen und dem geschichtsbeladenen Ettersberg, der freien Bürgern heutzutage wenig bedeutet, Hauptsache ihre „kraftfahrzeuge brettern die Blutstraße lang“. Nahezu unschlagbar ist Wulf Kirsten, wenn er sich selbstironisch porträtiert als „der junge, der ich war“ und in seine dörfliche Kindheit als doppeldeutiger „erdenbürger“ zurückkehrt: „junge, was soll bloß aus dir/mal werden? linkshänder/und zu nischde geschicke … so ein schwartenheini wie du,/mit solch einem faulpelz/kann keiner was anfangen“.
Schließlich setzt der Dichter mit einem Enkelinnengedicht nicht nur jene „Oral History“ fort, die er „zaunüberwärts“ schon oft betrieben hat, sondern zeigt damit ganz plötzlich auch eine familiäre Seite, die ein wunderbares Novum im Spektrum seiner poetischen Themen darstellt. 60 neue Gedichte, die man sich scheut „Alterswerk“ zu nennen, weil sie herzerfrischend jung wirken.
(Erschienen in: "SAX. Das Dresdner Stadtmagazin", 08/2012)