8. Februar 2021

 

Noch als die Einladungskarten zur Buchpremiere verschickt wurden, war ich skeptisch. Aber der Abend des 02. September im Jahr der Doppelzwanzig und im Garten der Villa Augustin belehrte mich eines Besseren. Freunde, Familie, Kollegen waren gekommen. Typograph und Verleger Manfred Richter war gut bei Stimmung, Wulf Kirsten in guter Form und Verfassung, Sopranistin Nicolle Cassel gut bei Stimme, Geiger Steffen Gaitzsch gut besaitet, Hausherrin Andrea O’Brien eine gute Gastgeberin, die riesige Platane prächtiges Schutzschild. Der Abend ging in gleichen Teilen durch drei. EINS: Gespräch Kirsten - Wüstefeld. ZWEI: Aufführung von „Kleine Schmunzette für Sopran mit Verpflichtung zur Triangel und für Violine mit Verpflichtung zum Gesang nach Texten von M.W.“ im Beisein des Komponisten Frank Petzold. DREI: Lesung aus „Gegenwärtige Vergangenheit“. Um sieben ging’s los, um acht war’s vorbei. Mehr zum Buch in der Bücher-Rubrik.

Wulf Kirsten und Wolfgang Petrovsky: AUSVERKAUFT!                                   
Foto privat
Im Gespräch, Foto (c) Kohlert




 
     
von links: M.W., O'Brien, Richter, Kirsten, Foto (c) Ch.Kuhn

3. Februar 2021

Das Jahr der Doppelzwanzig

Weil persönliche Begegnungen mit Kollegen gezügelt worden waren, radle ich im Sommer diverse Taladressen ab, um die nach Lagerräumung bei mir gestrandeten „KinoGeschichten“ zu verteilen. Motto: Können wir den Autor nicht treffen, lesen wir wenigstens seine Geschichten. Die meisten Kollegen waren erfreut. Die meisten fragten auch, warum ich nicht geklingelt habe. Ja, warum wohl?

Zu den Entfernungsausnahmen gehörte ein später Augusttag. Fahrt nach Erfurt, dieses Mal motorisiert, um einen Freund mit 50 (in Worten: FÜNFZIG) Exemplaren „KinoGeschichten“ zu beliefern. Es dauerte kein halbes Jahr, und er hatte alle Bücher unter die Leute gebracht. Ein Freund eben - wie er buchstäblich im Buche steht.


Vor der Freundestür, Foto (c) privat


Zum 85. Geburtstag des in Weimar lebenden Dichters Wulf Kirsten schenkte ihm seine Geburtsgemeinde Klipphausen bei Meißen einen „literarischen Wanderweg“,  konzeptionelle Idee Thüringer Literaturrat e.V. mit Unterstützung des S. Fischer Verlages. Von Klipphausen durch das Tal der „Wilden Sau“ zur Neudeckmühle bis nach Röhrsdorf führt der Weg, an dem auf Metalltafeln 19 Gedichte von Wulf Kirsten zu lesen sind. Einweihung des Weges war am 23. Juni 2019 mit einer Feierstunde in Schloß Klipphausen. Ich durfte dem Freund die Festrede halten.


Vor der Feier, Foto (c) Tomas Gärtner

Sieben Sätze über Wulf Kirsten

ODER

Sieben Wegmarken einer Freundschaft


Erster Satz - „mit meinesgleichen“

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, einem Dichter zu begegnen? Für mich, der ich damals als Ingenieur mein Geld verdient habe, war unbezahlter Urlaub eine unabdingbare Voraussetzung, um Wulf Kirsten kennenlernen zu können. Als ich ihm schließlich das erste Mal begegnet bin, sah ich ihn als LektoratsMitarbeiter auf der anderen Seite. Das meint die räumliche Situation, in diesem Fall die andere Seite eines langen Konferenztisches. Der Tisch stand im Eibenhof zu Bad Saarow am Scharmützelsee. Das Lektorat des Aufbau-Verlages traf sich Mitte Januar 1987 mit 20 seiner Autoren, denen 12 Verlagsmitarbeiter gegenübersaßen. Keine Presse. Kein Protokoll. Neue Texte wurden gelesen, das Gelesene wurde diskutiert. Nur eine einzige Regel galt: die Debütanten mußten, die Gestandenen konnten lesen. Ich war Debütant. Während das Land die kältesten Nächte mit bis zu Minus 30 Grad über sich ergehen lassen mußte, ging mir, um es vornehm auszudrücken, der Hintern auf Grundeis. Während in der Lausitz die Braunkohle gefror, redeten wir uns die Köpfe heiß. Meine Kladde hält die für mich damals ungewöhnlichste Konstellation am Vierer-Abendbrottisch fest: Christa Wolf, Heinz Kahlau, Wulf Kirsten und Wüstefeld. Spätestens dann und als er nach der Lesung den Debütanten und seine Gedichte vehement begrüßte, wußte ich, daß Wulf Kirsten wohl immer auf Seiten der Dichter gewesen ist.


Zweiter Satz - „ich lob das dörfische gewerbe“

13. Juni 1987 liest Wulf Kirsten auf Schloß Scharfenberg. Wir fahren gemeinsam mit der S-Bahn von Dresden nach Meißen. Am Meißner Bahnhof werden wir erwartet und in einem Geländewagen mit Karacho zum Schloß gefahren. Von wegen Schloß! Damals noch eine halbe Ruine. Während der Lesung sind himmlische Pyromanen am Werk, ein heftiges Gewitter geht nieder. Die Stimmen der Elemente sind stärker, als die Stimme des Dichters. Gespenstisches Intermezzo ohne Schloßgespenst. Halb elf geht mein Bus ab Haltestelle „Schachtberg“ zurück in den Dresdner Osten. In Kopf und Tasche die „erde bei Meißen“. Kurz darauf ein Brief aus Weimar, er habe auf Scharfenberg nur Texte gelesen, die ich schon kenne, deshalb lege er dem Brief etwas Neues bei. Auf blassem Durchschlagpapier ein dunkles Gedicht „stimmenschotter“, nach einer Rumänienreise: „wer aber, herr pfarrer,/wer soll uns begraben,/die wir hierbleiben?/fragen die alten/in den dörfern reihum.“ Waren mit diesen Versen von 1987 auch Klipphausen und die Dörfer reihum gemeint?


Dritter Satz - „verschwägert und verschwistert“

Gibt es statistische Untersuchungen darüber, wie viele Schriftsteller Meißen verträgt? Zu den Sächsisch/Baden-Württembergischen Literaturtagen im September 1991 hielten sich überdurchschnittlich viele dieser Sepzies in Meißen auf. 10 Tage lang buhlten 40 Autoren aus Ost und West ringsum den Burgberg um Aufmerksamkeit. Darunter Martin Walser, Peter Härtling und Günter Herburger; Helga Schütz, Rainer Kirsch und Manfred Streubel. Die Leseorte waren nicht so überfüllt wie nach den Lesungen die Gaststätten. Ob Porzellan zerschlagen oder eine Fummel zerdrückt worden ist, steht nicht in den Annalen. Was jedoch verbrieft ist, auch Wulf Kirsten nahm an den Literaturtagen teil. Wir nutzten einen Nachmittag, um über und durch seine Dörfer zu fahren. Ein Fiat Tipo und Rolfrafael Schröer vervollständigten das Pfadfinderquartett. Entlang der Feldraine und querfeldein kannte sich Wulf Kirsten besser aus als auf den Straßen. Einmal bretterten wir mit dem Fiat in einen Feldweg hinein, so daß die geländetechnische Mühsal fast in allen Teilen (f.i.a.T. = Fiat) zu hören war. Abends fanden wir uns, Thomas Rosenlöcher kam noch hinzu, bei Vincenz Richter ein. Weinselig wurde eine Art Kettengedicht verfaßt und in das Gästebuch geschrieben. Ob Gedicht und Buch noch immer dort zu finden oder längst im Stadtarchiv aktenkundig sind, entzieht sich meiner Kenntnis.


Vierter Satz - „als eidotter in stiller einfalt“

Einmal, das war schon im nächsten Jahrhundert, standen Wulf Kirsten und ich bei Kötzschenbroda am Fluß. Mag sein, wir sinnierten über Röhrichte und Seggenriede. Oder hatten es uns Schwanenblume und Seekanne angetan? Fanden wir gar Spitzkletten, die wir spielerisch auf den Rücken der Dichterfrauen platzierten? Vielleicht fragten wir uns auch, wer es von uns beiden vermochte, eine Butterbemme bis ans gegenüber liegende Ufer springen zu lassen. Womit wir beim Thema waren. Denn das „gegenüber liegende Ufer“ meinte ja die Linkselbigkeit. Mit ein wenig gesteigerter Vorstellungskraft konnten wir über den Niederwarthaer Hang hinweg bis Weistropp und Kleinschönberg blicken, und, wenn wir der sehnsuchtsvollen Weitsichtigkeit erlegen gewesen wären, gar bis Klipphausen. Dann plötzlich nahm uns ein Kuckuck das Wort aus dem Munde. Er rief und rief, daß es eine Lust war, seine Rufe zu zählen. Wie viele Jahre noch? Wollten wir das wirklich wissen? Als wir bis fünfzig gezählt hatten, entzückte uns das Ergebnis. Als wir aber bei hundert angelangt waren, brachen wir die Zählerei ab. Wir fragten uns sogar, ob uns ein Vogelstimmenimitator veralberte. Womöglich angeheuert vom Radebeuler Tourismusbüro sollte der falsche Kuckuck bei den Gästen für gute Stimmung sorgen, damit sie, ob der in Aussicht gestellten hohen Lebenserwartung, frohgemut die Gast- und Weinstuben frequentieren. Gleichwie. Nachdem wir den Kuckuck als falschen Fufzscher entlarvt hatten, kamen in der „Schwarzen Seele“ am Kötzschenbroder Anger süß-saure Flecke auf den Tisch.


Fünfter Satz - „ich garniere meine gedichte“

Mit „ich“ bin natürlich nicht ich gemeint. Kirsten-Leser wissen es längst, dieser Dichter baut seine Verse gern aus Wörtern, die kaum noch gesprochen oder nicht einmal mehr gekannt werden. Aber neben WortSchönheit gibt es auch WortWitz. Wenn Wulf Kirsten lospoltert, bleibt kein Auge trocken. „kandierte kandidatenpflaumen in der essigkruke gebadet … das weltbild auf sehschlitze gesundgeschrumpft … schaumschläger führen den rührbesen … was schon Goethe hat erkannt und gerochen vorzeiten: das durchaus scheißige dieser unserer zeitigen herrlichkeit auf erden … sei bedankt, lieber schwan, es lebe das zentralorgan … kanalräumerlehre abgebrochen wegen geistiger überanstrengung … elende gräpel, ihr, befrackte arschkriecher, scheißhunde, besoffen wie die radehacken … tief im scheibenkleister eingesunken, von winkelbankern eingewunken“. Genug der Beispiele! Ich begehre nicht, Schuld daran zu sein, wenn der literarische Wanderweg wegen ungebührlicher Polterei zurückgebaut werden muß. Aber angemerkt werden darf: auch das Poltern kann die Wegmarke einer Freundschaft sein.


Sechster Satz – „wie ein gemenge aus roggenschrot“

Jeder Wocheneinkauf gewährt mir nicht nur Einblick in unsere Überflußgesellschaft, sondern mein Blick streift auch ein Schild über der Auslage wohlgestalteter Brote und Brötchen: „Unser Bäcker aus Klipphausen“. Angesichts eines Bäckers auf die Spur eines Dichters zu geraten, gibt es etwas Besseres? Regelmäßig werde ich an Wulf Kirstens Brot-Episode aus den „Prinzessinnen im Krautgarten“ erinnert. Statt das in Meißen erstandene frische Pfundbrot zu Hause abzuliefern, verführten sein Duft und der Hunger dazu, auf dem Rückweg nach dem „Ränftel“, wie Wulf Kirsten erzählt, „Runksen um Runksen“ abzusäbeln und zu verschlingen, bis nichts mehr übrig war. Also frage ich mich, wenn zum Wocheneinkauf mein Blick über das Bäckerschild streift, was die große Gemeinde Klipphausen so groß gemacht hat. Bäcker oder Dichter? Oder ihr Bürgermeister? Und es hat den Anschein, als ob das Dichten, seit es diese Großbäckerei gibt, wenigstens in Klipphausen keine „brotlose Kunst“ mehr ist.


Siebenter Satz - „mit meinesgleichen“

Dem Thüringer Literaturrat, als Spiritus Rector, ist es zu danken, daß wir jetzt, vielleicht nicht unbedingt mit dem Beutel auf dem Rücken und der Klampfe in der Hand, aber von Gedicht zu Gedicht wandern können. Dank gebührt der Gemeinde Klipphausen und auch dem S. Fischer Verlag. Ganz und gar gegenwärtige Lyrik wurde aus Dichters Kemenate hinaus ins Freie gestellt zur Feier jener Landschaft, die Gegenstand der Verse ist. Alle, die „die erde bei Meißen“ auf Schusters Rappen erkunden, können fortan zu Lesern und Leser zu Wanderern werden. Mögen sie, wie es bei Wulf Kirsten heißt, „im weichbild meiner dörfer … mit meinesgleichen/ein herz und eine seele“ sein. Lieber Wulf, ich gratuliere Dir zu dieser FlurgängerEhrung und zu Deinem Geburtstag. Komm, laß uns wandern gehen!

Herta Günther (1934 - 2018)

Als die Dresdner Malerin 75 wurde, schenkte sie mir „zwei Weiber“. Als sie 80 wurde revanchierte ich mich mit einem „heimlichen Lächeln“. Zu ihrem 85. war sie nicht mehr da. Die Galerie Himmel gedachte ihrer mit einer wunderbaren Ausstellung und einem opulenten Katalog unter dem Titel „C’est la vie“. Meine Hommage kann auf der Homepage der Galerie nachgelesen werden.





Das heimliche Lächeln

Zum Achtzigsten von Herta Günther


Sie warten tagein, tagaus. Sie wissen nicht, worauf sie warten. Wir wissen es auch nicht. Sie sitzen auf Stühlen oder Sofas an runden Tischen in Cafés, Kneipen, Bars. Die Damen. Die Girls. Die Weiber. Vielleicht haben sie es auch längst aufgegeben und tun nur noch so, als würden sie warten. Sie lächeln lasziv. Sie rauchen Zigaretten mit und ohne Spitzen. Ihre Blicke verlieren sich aus großen Augen. Kuhaugen. Mondaugen. Mandelaugen. Ein wenig hängen die Lider. Schwer von Schatten senkt sich der eingeübte Schlafzimmerblick. Erotische Verführung oder Schläfrigkeit. Vermutlich wissen sie es selbst nicht so genau. Die Grazien. Die Schönen. Die Verblühten. Ihre Gesichter geschminkt. Sinnliche Lippen signalroter Schnuten. Ihre Nasen gepudert. Zumeist sind die auf 

runden Tischen stehenden Gläser halb leer. Mutmaßlich würde keine sagen, die Gläser seien halb voll. Wir auch nicht. Wir wünschten, es käme endlich irgendein Kavalier herbei, verbeugte sich, hielte ihnen seinen gewinkelten Arm hin, auf daß sie ihren Arm hineinlegen und mit dem Herrn davongehen. Aber keiner kommt. Egal ob Rosi Nante oder Eulalie, die kleine Traurige oder die Femme fatale, sie warten tagelang, wochenlang, manche auch jahrelang. Worauf bloß? Wozu nur? Sie warten wohl darauf, von Herta Günther gemalt zu werden.


Treten Sie ein, meine Damen und Herren, in das Panoptikum der Malerin. Was Sie zu sehen bekommen, zeigt sich Ihnen ganz unmittelbar. Keine Verstellung, kein doppelter Boden, keine Schmuggelware. Jede Menge randläufige Etablissements und Existenzen. Ebenso unzeitgemäß, wie  zeitlos in Mode. Als ob die Bilder lange schon zum Leben dazu gehören. Nichtalltägliches, vom Alltag absorbiert. Anfangs in ihrer verlockenden Farbigkeit ein Kontrapunkt zu grauem Einerlei und langweiliger Gleichmacherei. Bald aber alte Bekannte, mit denen jedes Wiedersehen neuerlich gefeiert wird. Gassen, Boulevards, Absteigen, Varietés, Bierstuben, Hafenschänken, Kaffee- und Wirtshäuser. Stille Trinker, prahlende Krakeeler, Zeitungsleser, Halbnackte und Volltrunkene, Halbbesoffene und Ganzakte, Passanten paarweise und allein. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Café. Am Nebentisch fällt Ihnen ein markantes Gesicht auf. Das habe ich doch schon mal gesehen, denken Sie. Plötzlich paßt zu dem Gesicht, das Sie vermeintlich kennen, auch das Interieur ringsherum. Selbst der etwas krumme Oberkellner und die ein wenig O-beinige Serviererin mit dem kleinen weißen Schürzchen passen ins Bild. Bis Sie verstehen, daß Sie ein Herta-Günther-Déjà-vu haben, sich mitten in einem Bild der Malerin befinden, im Café Günther, in Günthers Bierstube oder im Günthereck sitzen.

Zeichnen, wie es wirklich ist. Malen, was zu sehen ist. Freunde und Bekannte sollen den Günthers gelegentlich Fotos gebracht haben, auf denen Personen zu sehen sind, die den Figuren der Malerin gleichen. Oder die noch gar nicht gemalt waren, es aber, ob ihres Aussehens, wert seien, demnächst gemalt zu werden. Herta Günther malt nicht vorm Modell. Auch fotografiert sie keine potentiellen Modelle, um sie hernach abzumalen. Höchstens fotografiert sie mit dem Kopf. Selten wird unterwegs skizziert. Ab und zu werden Farben, Licht, Formen in Stichwörtern festgehalten. Gemalt aber wird aus der Erinnerung. Die Gesichter Revue passieren lassen. Physiognomien aus der Sammlung Günther. Nicht so abgründig verwissenschaftlicht wie beim Schweizer Pastor Lavater, der im 18. Jahrhundert mit seinem vierbändigen Werk "Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" für Furore sorgte. "Menschenkenntnis" und "Menschenliebe" freilich finden sich bei Herta Günther zur Genüge. Ihre Figuren gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis. Es sei eine Schule des Sehens, sagt die Malerin. Für sie wie für das Publikum. Eine Sichtweise annehmen, die die Andersartigkeit und das Andersaussehen zu akzeptieren vermag. Nicht nur abschätzig die verrückten Typen sehen. Am ehesten läßt das Günthersche Gesichteralbum an den italienischen Regisseur Fellini denken, der nach eigenen Auskünften "alle Gesichter dieses Planeten" sehen, ein Gesicht "mit allen Gesichtern, die es überhaupt geben kann" vergleichen wollte. Jedoch die Vergleiche hinken. Deshalb reden wir gar nicht erst von Herta Günthers Lehrern, nicht von den Vorlieben und ebenso wenig von Albert Ebert. Schon gar nicht wollen wir Vorbilder bemühen. Eigenartig. Das Wort "Vorbild" erfährt hier seine eigentliche, wortwörtliche Bedeutung. Können doch "Vorbilder" diejenigen Bilder sein, die vor den eigenen Bildern stehen, zu Vorzeiten, also vorher entstanden sind.


Aber Herta Günthers Vorliebe zum Laissez-faire, ihre Paristräume und Ungarnfahrten könnten thematisiert werden. Wie auch die Vielfalt der Kopfbedeckungen, die wir in ihren Bildern zu sehen bekommen. Als ob die Malerin im Zweitberuf Putzmacherin oder, wie es eleganter heißt, Modistin wäre. Schlapphut und Klapphut. Glockenhut und Filzglocke. Breitkrempiger Sommerhut und asymmetrischer Winterfilz. Walkmütze und Kreissäge. Florentiner und Barett. Lady Flapper und Fedora. Gatsby Kappe und Ballon Cap. Auch die Exoten fehlen nicht. Etwa der Damentoque, was eine weiche Kopfbedeckung ohne oder mit schmaler, aufgerollter Krempe meint. Oder der Trilby, der ein kompakter Hut ist, mit dünner, hinten verstärkter und nach oben gebogener Krempe sowie beidseitigen Einbuchtungen im vorderen Kopfteil. Selbst der so genannte Anlaßhut findet sich, ein für besondere Anlässe gefertigtes Kunstwerk, zumeist mit Federn oder Blumen geschmückt. Jedes Lächeln, und wenn es noch so heimlich ist, fühlt sich in besonderer Weise behütet. Aber was ist mit den Männern, was mit den Stadtlandschaften, den Kneipenlandschaften? Wer Jürgen Günther, den Mann der Malerin, den Comiczeichner und "Vater" von "Otto & Alwin" kennt, weiß, wie gern sie ihn durch ihre Bilder huschen läßt. Einmal entdeckt, sucht man ihn auf jedem anderen Bild. Das könnte zum Spiel ausarten, gleich der Enträtselung von Vexierbildern. Häufig belebt er in Rückenansicht einsame Straßen oder Elbuferwege oder er gesellt sich zu den Wartenden in irgendeiner Kneipe. Wer meint, Kneipen, die diesen Stempel wirklich verdienten, habe es zu Zeiten von HO und KONSUM gar nicht gegeben, irrt gewaltig. Mag sein, es war kein "Café de Flore" dabei, keine "Deux Magots" und kein "Café de la Paix". Aber verrucht und verraucht konnte es gerade auch hierorts zugehen. "Konzert-Klause" und "Erlenklause". "Höhle's Bierstuben" und "Schäfer-Eck". "Narrenhäusel" und "Neustädter Faß". "Grüne Schänke" und "Hafenschänke". "Konzertcafé" und "Mokkastube". "Goldquelle" und "Goldenes Hufeisen". Auch wenn die von Herta Günther ins Bild geholten Kneipen meistens ungenannt bleiben, es sogar ungewiß ist, ob sie überhaupt dresdnerisch sind, hat sie uns wenigstens eine Ahnung davon bewahrt. Aber was ist nun mit den Männern? Wenn sie nicht gerade einen Kümmel trinken, halten sie sich im Bildhintergrund auf, wirken mißmutig und verschlagen. Es scheint, als stünden sie dieser Wucht weiblicher Farbigkeit äußerst skeptisch gegenüber. Sie sind Kneiper, Kellner, Schiffer, Jazzer, Klavierspieler. Sollte unter ihnen, bei aller Unwahrscheinlichkeit, doch einmal einer sein, der sich die Seele aus dem Leib fiedelt, müssen wir nicht mehr nur an das Erich-Kästner-Gedicht "Stehgeigers Leiden" denken: "Ach, wie gern läg ich in meinem Bette!/Nacht für Nacht schläft Hildegard allein./Wenn mein Fiedelbogen Zähne hätte,/sägte ich die Geige kurz und klein." Geraume Weile schon erinnern uns auch Herta-Günther-Bilder an den selten gewordenen Berufsstand dieser kleinen Möchtegern-Paganinis.


In der Wahl ihrer Ateliers liebt Herta Günther die Vogelperspektive. Viele Jahre hoch über Altmarkt und Wilsdruffer. Als die noch nach Ernst Thälmann hieß und Aufmarschstraße war, konnte sie von dort die Paraden abnehmen, wenn unten Erster Mai und Tag der Republik vorbeirollten. Trotzdem kamen "Winkelemente" aller Art nicht in Frage. Später die Ateliermansarde in Pieschen, von wo der Blick zu Hafenmole, Ostragehege, altstädtischer Silhouette und Lößnitz schweift. Jüngst in Dresden Mitte, neunte Etage, wurde ihr ein Balkon mit Südblick zuteil, übern Bahndamm hinweg rückt es den Freitaler Windberg ins Bild. Stellen wir uns ein Ereignis vor, das weniger traumatisch aber immerhin traumähnlich über die Lebensbühne gehen könnte. Eines schönen Tages kommen die Modelle, um ihre Malerin zu besuchen. Weil es ein paar Hundert sein dürften, würden sie das Treppenhaus über alle neun Etagen bevölkern. Eine Polonaise à la française und Herta in der Neunten säße verschmitzt in einer Chaise à la Louis seize. Bis hinab auf die Straße schlängelte sich die Pracht, eine Woge roter Haare, ein Defilee knalliger Münder wäre das. Sie kämen, um zu plaudern, zu tratschen, zu munkeln. Das wäre ein Zwitschern, Zirpen, Jubilieren. Sie nähmen Tee, Kaffee oder Frappé, hier ein Pralinee, dort ein Baiser, da ein Kanapee mit Wollhandkrabbengelee oder gleich ein Soufflé aus Kichererbsenpüree. Manch eine suchte überschwänglich Trost an der Schulter der Malerin und bekäme reichlich davon, immerhin gehören sie alle zur Familie. Die eine oder andere entdeckte an den Wänden ihr gerahmtes Konterfei, bewunderte den eleganten Strich, die schwungvolle Kontur, den gekonnten Farbauftrag. Dann zückte sie verstohlen ihre Puderdose, vergliche verschämt im Dosenspiegel Kopie mit Original. Im Hintergrund stünde für den Fall der Fälle der Mann der Malerin bereit und sagte ab und zu: "Kinder, wie die Zeit vergeht". Gelassen und wenig imponiert von allem Trubel folgt Herta Günther unverdrossen ihrem Stil, ihren Motiven, den Erinnerungen und Träumen. Sie beeindruckt damit, wie sie unbeeindruckt bleibt von ehemals ewiggestrigen Realismusvorgaben, abstrakter Besserwisserei, kopfstehender Angeberei oder bis heute unausrottbaren Marktregeln. Wo Herta Günther draufsteht, gibt es Menschenkinder mit auffallenden Frisuren, melancholisch blickenden Augen, üppigen Nasen, und immer wieder springt ein Lächeln aus den Bildern heimlich auf unsere Lippen.

(erschienen im Katalog „Lebensspuren“, Galerie Leo Coppi, Berlin 2014)



31. Januar 2018

Elmar Faber (1934 - 2017)



Zu seinem 80. Geburtstag schrieb ich ihm, daß er mein einzig wirklicher Verleger gewesen ist. Gut eine Dekade durfte ich mich zu den Aufbau-Autoren rechnen. Erst sieben Jahre die Wartebank des Verlages gedrückt, nach dem Debüt bis 1994 die Verlagsprogramme geschmückt. Als die Verträge aufgelöst wurden, war Elmar Faber längst nicht mehr am und an Aufbau beteiligt. Er und ich hatten um etliche meiner Verse gestritten. Er mißbilligte meine Beteiligung an einer im „Westen“ erscheinenden Anthologie. Er hatte das Manuskript meiner Armee-Erinnerungen („Nackt hinter der Schutzmaske“) drei Jahre schmoren lassen, bis es bei seiner Veröffentlichung 1990 zu spät kam. Trotzdem denke ich, wenn ich an ihn denke, daß er mein einzig wirklicher Verleger gewesen ist.
J.R.B.Th. nachgerufen 1949 - 2017
Das erste Mal trafen wir aufeinander im Klubhaus des Kombinats VEB Pentacon, Schandauer Straße, heute „Medienkulturzentrum“. Das muß 1971 gewesen sein. Beide gehörten wir dem dort monatlich tagenden „Zirkel Schreibender Arbeiter“ an. Was das für ein „Klub“ war, wie wir in ihn hinein gerieten, sei dahin gestellt. Man traf sich, um selbst verfaßte Texte vorzulesen und darüber zu reden. Jedenfalls war Bernhard Theilmann der Einzige vom Typ „Arbeiter“. Nicht im Sinne von „Greif zur Feder, Kumpel!“, vielmehr von der Sorte „Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will“. Genauso diskutierte er. Kraftvoll, bedingungslos, ohne Rücksicht auf Verluste. Bei unserer ersten Begegnung stellte er „Unter den Rädern“ zur Diskussion, steht in meiner Kladde, was wohl ein Gedicht gewesen sein wird, heute verschollen, wie so vieles, weil er es verworfen, weggeworfen hat. Als es Ende 1974 hieß, das „literarische Volksschaffen“ (O-Ton DDR-Kulturpolitik) müsse weiterentwickelt werden, wurden auch wir entwickelt, stiegen auf, wurden in eine „Fördergruppe Schreibender Arbeiter“ delegiert. Auf der Gruppen-Liste fanden sich Namen wie Manfred Streubel und Thomas Rosenlöcher, auch Herbert Schirmer, der 1990 letzter DDR-Kulturminister werden sollte. Uns beschlich vorsichtiger Stolz. Wohin aber sollten wir befördert werden? Auf die Höhen des Parnass? Oder in die Bredouille? Letzteres kam prompt. Als wir 1976 nachdrücklich und unüberhörbar gegen Biermanns DDR-Ausbürgerung stimmten, wurden wir hinauskomplimentiert. „Wir bitten Sie, dafür Verständnis zu haben, daß wir auf eine weitere Mitarbeit Ihrerseits verzichten müssen.“ Unser Verständnis hielt sich in Grenzen. Fast packte uns darob unvorsichtiger Stolz. Nach dem Rausschmiß betrieben wir unseren eigenen Zirkel in der Theilmann-“Kneipe“ am Wolf-Platz. Nur er und ich. Nicht immer ging es um unsere Texte, aber meistens ging es hoch her. J.R.B.Th. kritisierte maßlos. Klare Ansagen, was mit Ach und Krach ging, was nicht ging und was gar nicht ging. In dieser Reihenfolge. Ich war vorsichtiger, denn was ich gut fand, schmiß er weg. Woran ich wagte, herumzunörgeln, hob er auf, weil er es plötzlich interessant fand. Fast wünschte ich mir heute, eine kleine Wanze hätte mit uns auf der den Kneipentisch dreiseitig umlaufenden Bank gesessen. Dann wären ein paar seiner Texte akustisch bewahrt geblieben, vorgetragen mit dem ihm eigenen Idiom. Auch einige unserer hochfliegend tiefschürfenden Pläne. Als wir noch gut bei Humor waren, konnten wir regelmäßig über Nachrufe auf bekannte Künstler oder Politiker lästern. Die Gesetzmäßigkeit schien darin zu bestehen, je übersteigerter ins Übermenschliche nachgerufen wurde, umso schlechter waren Kunst oder Politik des „teuren Toten“. Damals schworen wir, für unser Ableben vorzusorgen, uns Nachrufe in verschiedenen Varianten selbst zu schreiben und die Texte dem jeweils anderen zu überlassen, damit dieser sie aus der Schublade ziehen könnte, wenn es soweit wäre. Wir sind meineidig geworden, haben uns nicht an den Schwur gehalten. Ich hätte J.R.B.Th. rechtzeitig daran erinnern sollen.
(veröffentlicht in: SAX 10/2017)

Silvester 1982/83 - Lesung aus Jandls "Humanisten" (Foto: B. Lorenz)

23. Juni 2015

Zur Erinnerung an Jürgen Günther (1938-2015) ein Foto aus besseren Tagen des Jahres 2010 sowie einen Text, den ich zu seinem 75. Geburtstag geschrieben habe. Bis auf den letzten Satz nehme ich nichts zurück. Wir sind uns doch zu spät begegnet.

Ein Wort zuvor als Gruß
für Jürgen Günther

Oft passiert es kurz nach dem Vorspann, meistens in einem filmischen „Wimmelbild“, in einer Minisequenz. Hitchcock höchstselbst läuft durch das Bild. Urplötzlich taucht er auf. Sein kahler Kopf, aber auch die gedrungen gewichtige Gestalt des Meisters blitzen unverkennbar ins Zuschauerauge. Unwillkürlich kann daraus ein Spiel werden. Einmal entdeckt und gesehen, sucht der Zuschauer immer wieder angespannt nach dem Mondgesicht. Punkt, Punkt, Komma, Strich.
Ich wußte nicht, daß ich Jürgen Günther kannte, bevor ich ihn kennen lernte. Seinen zumeist mit dunkler Baskenmütze bedeckten Kopf, aber auch diese leicht gedrungene Figur mit dem angedeuteten Rundrücken. Woher bloß war mir diese Gestalt vertraut? Richtig. Beim Blättern in einem Ausstellungskatalog kam ich endlich drauf. (Zwischenfrage: Dürfen Bilder von Herta Günther erwähnt werden, wenn es um den Zeichner Jürgen Günther geht? Zwischenantwort: Um zu einem Zeichner zu finden, bedarf es mitunter Zeichen und Wunder.) Höchstselbst taucht er in etlichen Bildern von Herta Günther auf. Zumeist verwinzigt, ein Schatten inmitten von Passanten, windschief in vereinsamten Gassen, ein Husch, angedeutet nur, allerhöchstens Achtelprofil, wenn überhaupt, sonst von hinten. Im langen Mantel auf verschneiter Augustusbrücke, als sie noch Georgi-Dimitroff-Brücke hieß. In Dünenlandschaft, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Im weißen Hemd in der Hafenstraße, Hände tief in die Hosentaschen gegraben. Vorm Pieschener Hafen am Elbufer sitzend. In einer Kneipe mit großem Bier. Am Schießhaus auf dem Fahrrad. Einen Weinkeller betretend. Als Angler am Fluß. Auf verschneiter Mole. In Hoher Gasse zu Meißen. Bei der Markuskirche im Schnee. Und wie ertappt, weil ein einziges Mal doch Halbprofil, in der Künstlerkneipe, roter Schnurr- und Kinnbart, stattliche Nase rötlich schimmernd, im Auge den Schalk, das Lieblingsgetränk leider nicht im Bild. Was trinkt ein Comic-Zeichner? Gibt es berufsbedingte Vorlieben?
Lange vor mir war mein Sohn zu Besuch im Günther-Atelier. Das nannte man im vorigen Jahrhundert „Überholen, ohne einzuholen.“ Mich hat es zum eigenen Besuch angestachelt. Dann sitzen wir uns endlich gegenüber. Herta neben Jürgen Günther oder andersherum. Immer habe ich entweder oder gedacht. Jetzt begriff ich, der Zeichner ist ohne die Malerin nicht denkbar und umgedreht. (Noch eine Antwort auf obige Zwischenfrage: Wem es an dem Zeichner J.G. gelegen ist, der wird früher oder später die Bilder von H.G. erwähnen.) Sitzen uns gegenüber im Atelier am Altmarkt. Das gibt es zwar nicht mehr, ist aber in die Comic-Geschichte eingegangen. „Dort, wo das Licht brennt, sind wir geboren“, sagte Otto zu Alwin, als sie in einem gekaperten Sportflugzeug über dem Karree der Altmarkthäuser kreisten.
Nein, ich wußte nicht, daß ich Jürgen Günther kannte, bevor ich ihn kennen lernte, daß mit ihm gut essen, gut trinken und noch besser lachen ist. Noch bevor ich der verschwommenen Gestalt in den Bildern der Malerin auf die Schliche kam, waren es seine Adventskalender, die ich mit meinen fröhlich sein und singen wollenden Kindern zusammenbastelte, um Fenster für Fenster in die gewitzte Günther-Welt hinein- und aus unserer hinausschauen zu können. Reuelos gebe ich zu, den Namen des Kalender-Erfinders nicht gekannt zu haben. Mitleidlos gedenke ich der vielleicht lästigen Umstände, wenn bei Günthers wegen jahrelanger Entwicklung der FRÖSI-Adventskalender immerzu Weihnachten war. Anstandslos gestehe ich, daß wir uns spät begegnet sind. Aber zu spät auch nicht.


(veröffentlicht in: "OTTO UND ALWINs großes Fest für Jürgen Günther, Holzhof Verlag, Dresden 2013)